»Ist nicht nöthig; sobald wir ein Stück draußen im Kanal sind, können wir doch unser Segel setzen. Nehmt nur Eueren Platz am Steuer, und führt uns hier zwischen all den Fahrzeugen durch. Erst einmal freie See, und wir fliegen nur so hinüber.«
Es wurde von jetzt ab nicht mehr zwischen den Männern gesprochen, als nöthig war, die Richtung und Bewegung des kleinen flüchtigen Bootes zu bestimmen. Das Fahrwasser, in dem sie sich befanden, erforderte übrigens ihre ganze Aufmerksamkeit, denn von Port Adelaide ab mußten sie vorerst einem langen, schmalen Seearm folgen, der sich herüber und hinüber wand, ehe sie die offene See erreichen konnten. Die Seeleute sagen auch nicht mit Unrecht, daß ein Schiff den Wind erst um den ganzen Compaß herum haben müsse, ehe es von dort auslaufen könne, und für große Fahrzeuge sind oft viele Tage nöthig, bis sie das Meer gewinnen können. Wo aber das kleine, trefflich gebaute Boot nur eine »Mütze voll Wind« erfassen konnte, setzten sie die Segel, und bald hinüber und herüberkreuzend, bald vor der Brise dahinschießend, dann und wann aber auch wieder genöthigt zu den Rudern zu greifen, passirten sie endlich die Torrens-Insel, umsegelten die nordwärts auflaufende Spitze des letzten festen Landes, und steuerten mit einer frischen Nordwestbrise an der Küste südlich nieder, der etwa von da noch 15 deutsche Meilen entfernten Känguruh-Insel zu.
Erst einmal draußen in freiem Wasser hatte der Bootsmann seinen Platz im Bug vorn eingenommen, während sich Rodwell in die Spiegel des Bootes neben Tolmer setzte. In der ersten Zeit war er allerdings noch schweigsam, und schaute fortwährend nur nach Süden hinunter, wo sie in grauer Ferne vor sich Cap Jervis konnten seine blaue Landspitze vorstrecken sehen. Da plötzlich sprang er von seinem Sitz auf und vorn auf die Bank, durch die ihr kleiner Mast befestigt war und rief, seinen Strohhut dem fernen Süden fröhlich entgegen schwenkend:
»Land! – dort hinten, Fremder, liegt meine liebe alte Insel – liegt meine Heimat, liegt Alles, was ich mein Eigen nenne, und was mich zum glücklichsten Menschen macht, von den blauen rollenden Wogen umschäumt, und wie unser Boot auch rasch und fröhlich über die Flut dahinzischt, könnte meine Sehnsucht es treiben, es ließe selber die flüchtige Möve weit hinter sich zurück.«
»Euere Heimat,« sagte Tolmer, dem ein eigen wehmüthiges Gefühl die Brust zusammenzog – »ja, wohl dem, der eine glückliche Heimat sein Eigen nennen darf. Ich ahne, wie wohl uns darinnen sein muß, obgleich ich selber das Gefühl nicht kenne.«
»Ihr seid nicht verheirathet, Fremder?« frug Rodwell mit fast mitleidigem Tone seinen Reisegefährten.
»Nein,« sagte Tolmer seufzend, »und Ihr wißt, welch' ein rastlos wildes, ungeregeltes Leben ein Junggeselle in den Colonien führen muß. Wäre uns nicht aus unserer Jugend noch die Erinnerung an den Segen stillen Familienglücks geblieben, man möchte manchmal wahrlich fast verzweifeln.«
»Ich zeig' Euch meine Heimat,« sagte Rodwell, und seine Augen leuchteten, als er an den stillen Frieden seines eigenen kleinen Herdes dachte, dem er mit frisch geblähtem Segel jetzt entgegenstrebte. »Grad' da vor uns taucht Point Marsden auf, und einen lieberen, freundlicheren Platz, als dort zwischen den schattigen Fruchtbäumen und blühenden Büschen liegt, gibt es nicht mehr auf der weiten Gottes Welt. Es ist für mich ein wahres und wirkliches Paradies.«
»Dann halte Euch Gott nur auch die Schlange daraus fern,« sagte Tolmer leise.
Rodwell sah sich rasch und fast erschreckt nach ihm um; sich dann aber mit fröhlichem Kopfschütteln die Locken aus der Stirne werfend, sagte er guten Muths, doch mit herzlicher, fast bewegter Stimme: