Das Land war in Aufruhr – wie sich das eigentlich von selbst verstand, denn Neugranada, vor allen südamerikanischen Republiken, scheint die Revolution in Permanenz erklärt zu haben. Der Staat ist außerordentlich ausgedehnt, mit fast keinen Verbindungswegen im Innern, da die ewigen Regen den Boden stets aufgeweicht halten; dadurch scheiden sich die Interessen der Küstenstädte und des innern Landes auf das Schärfste ab, so daß der eine Theil stets Ursache zur Unzufriedenheit behält, sobald man sie unter ein Gesetz bringen will. Hat aber wirklich ein General oder Präsident einmal über die feindliche Partei gesiegt und das Land, wie er glaubt, erobert, und sich eben in einer großen Stadt festgesetzt, so bricht an einem andern Punkt sicher wieder eine neue Revolution los, und der Tanz beginnt von Frischem.
Dießmal hatte Mosquera, während er im Innern die Hauptstadt Bogota eroberte, durch ein paar kleine, zu Kriegsschiffen umgewandelte Küstenschooner die am Meeresstrand gelegenen Hauptplätze Neugranadas, Buenaventura und Tumaco besetzen lassen, und die Fahrzeuge waren dann wieder in See gegangen – angeblich um Panama zu nehmen; in Buenaventura wußte man wenigstens nichts Weiteres darüber. Sobald sich aber die Schiffe entfernt hatten, brachen die Godos oder Adlingen, die Gegenpartei Mosquera's, in einer starken Guerillabande aus dem Innern vor, besetzten Buenaventura, füsilirten eine Anzahl der obersten Beamten Mosquera's und brachten zugleich wieder einen Schwarm von Jesuiten in die Stadt, denen Mosquera das Land verboten hatte.
So standen die Sachen jetzt; die Godos waren Herren in Buenaventura, und als man heute das Boot anrudern sah, hatte sich das Gerücht verbreitet, Mosquera's Schiffe kehrten zurück. Man hielt es ja nur für einen Vorläufer der Flotte und fürchtete natürlich, in einen neuen Kampf verwickelt oder vielmehr zu einer neuen Uebergabe gezwungen zu werden, denn Kämpfe hatten eigentlich noch gar nicht stattgefunden, da die Bewohner von Buenaventura mit ihren schilfgedeckten Häusern weder eine Beschießung noch einen Sturm gegen solch' gefährliches Material abwarten durften.
Ueberhaupt herrschte eine große Unruhe in der Stadt, denn in diesen Zeiten, wo die Sieger oft in einem Monat zwei- oder dreimal wechselten, war Niemand seines Eigenthums, ja seines Lebens sicher, und gern hätten die friedlichen Bewohner der kleinen Stadt Mosquera oder Herran oder irgendwen – es blieb sich ja vollkommen gleich – zum Präsidenten angenommen, wenn damit nur Frieden und Ruhe gewesen wäre. Aber Gott bewahre – was half es ihnen, daß sie dem einrückenden Sieger freundlich entgegenkamen, und weiter nichts von ihm verlangten als Schonung der Stadt? Von der Gegenpartei wurde ihnen das als Verrath und Treubruch ausgelegt, und wenn sie sich wieder oben wußte, hielt sie sich auch in ihrem vollen Recht, Vergeltung zu üben, das heißt zu brandschatzen und zu plündern, ja sogar Einzelne erschießen zu lassen oder in's Gefängniß zu werfen.
Die Südamerikaner sind nun, was Revolutionen anbetrifft, ein außerordentlich langmüthiges Volk und eigentlich auch an Revolutionen so gewöhnt, daß sie dieselben als vollkommen natürliche Ereignisse betrachten. Diesmal aber wurde den Neu-Granadiensern die Sache doch zu arg, denn das Kriegsglück zwischen den beiden Parteien hatte zu oft herüber und hinüber geschwankt, und da Mosquera sich besonders ihre Sympathie gewonnen, so neigten sie schon im Innern weit mehr zu der sonst nicht eben sehr beliebten Militairherrschaft des alten tapfern Generals hinüber. Trotzdem mußten sie sich aber, wenigstens für die nächste Zeit, den Umständen beugen und gegen die gerade siegreichen Godos freundlich sein, wenn sie sich nicht deren Rache und Uebermuth aussetzen wollten.
Die Ankunft der fremden Matrosen war übrigens dem gerade bestehenden Regiment nicht unangenehm, denn fünf kräftige Fremde, die besonders gut mit Schießwaffen umzugehen wußten – wie man das von Europäern oder Amerikanern immer voraussetzt – konnten ihnen in einem vielleicht bald wieder bevorstehenden Kampf von größtem Nutzen sein, besonders wenn je wieder einer der kleinen Schooner ansegeln und die Stadt bedrohen sollte. Deshalb zeigten sich die Behörden auch freundlich gegen sie, und Don Manuel, wie ihr kleiner Dolmetsch genannt wurde, war angewiesen worden, ihnen reichlich Speise und Trank zu geben und ein Haus zum Schlafen anzuweisen. Daß sie bei den Godos Dienste nehmen würden, verstand sich von selbst. Was wollten auch verschlagene Matrosen, mit keinem Real Geld in der Tasche, ohne Kleidung und sonstigen Unterhalt anders machen? Sie mußten froh sein, wenn sie gleich einen Platz fanden, auf dem sie sich ihr Brod verdienen konnten.
In einer höchst wunderlichen Position fand sich indessen Bill, der Matrose, der, wie er glaubte, hier gewissermaßen als Opfer fiel, um die Uebrigen zu retten, und deßhalb seine Gatten- und Vaterschaft ruhig mußte über sich ergehen lassen.
Bill, ein baumstarker Bursche mit ein paar Fäusten, mit denen er einen Ochsen hätte können zu Boden schlagen, besaß übrigens bei einer großen Quantität Gutmüthigkeit, die allen starken Leuten eigen ist, auch eben genug Humor, um das Komische seiner Lage einzusehen, und schien selber neugierig zu sein, wie sich das Ganze entwickeln würde. Wie er vermuthete, so mußte er eine fabelhafte Aehnlichkeit mit jenem Andern haben, der hier seiner Frau davongelaufen war; das schien ihm wenigstens das einzig Wahrscheinliche, wenn es auch ein unendlich wunderlicher Zufall blieb, daß er dann gerade an diesen Punkt der Küste geworfen werden mußte, um der verlassenen Frau in den Weg zu rennen – und nicht einmal verständigen konnte er sich mit ihr.
Indessen sah er sich in einem Geleit von einigen zwanzig Frauen, die ihn alle zu seiner neuen Wohnung begleiten wollten; auch eine Menge Soldaten und andere Neugierige hatten sich dem Zug angeschlossen, und er fühlte dabei recht wohl, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte, wenn er sich nicht lächerlich machen wollte. Lange konnte das Mißverständniß ja doch überdies nicht dauern – aber seine neue Frau überraschte ihn noch mit einer frischen Zumuthung. Kaum waren sie nämlich die entsetzlich schlammige Straße etwa zweihundert Schritt hinabgegangen und zu einer Stelle gekommen, wo dieselbe um eine Art Hügel bog, als sie ihren Begleiterinnen einige Worte zurief und ihm dann ohne Weiteres das Kind in den Arm legte.
Dagegen wollte Bill nun allerdings auf das Entschiedenste protestiren, da war es ihm plötzlich, als ob ihm die Frau leise auf Englisch zuflüsterte: be silent (sei ruhig), und ehe er sich von seinem Erstaunen erholen konnte, hatte er richtig den kleinen gelben Jungen auf dem Arm, während die Eingeborne, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, seitab und in eines der Häuser hineinglitt.