Die Amerikaner sagen freilich: »Bindet einem Franzosen die Hände auf den Rücken, und er kann kein Wort mehr reden.« Ebenso ist es aber mit den Südamerikanern, die ihre Hände auf das Nothwendigste zur Unterhaltung brauchen, während sie der Engländer gewöhnlich dazu in die Taschen steckt. Es ist ein lebendiges Volk, sobald nur einmal seine Leidenschaften erregt sind, und hier standen in der That sämmtliche Interessen der ganzen Stadt auf dem Spiel, da sie mit ihren leichten, luftigen und blättergedeckten Häusern bei einer wirklichen Beschießung der Stadt auch der fast sicheren Gefahr ausgesetzt waren, den ganzen Ort durch Feuer zu verlieren. Entstand nur irgendwo ein Brand, so war auch an Rettung kaum mehr zu denken, und ganz Buenaventura wäre vielleicht in einer halben Stunde von der Erde verschwunden.
Und für was? – Bloß damit ihr in Panama oder Bogota residirender Präsident einen andern Namen trug, denn einen weiteren Nutzen hatten sie doch nicht dabei. Ihre Steuern mußten sie der oder jener Regierung zahlen, wie sie auch hieß, und welche Versprechungen sie ihnen jetzt machte, das Resultat blieb immer und ewig dasselbe. Daß aber die Geistlichen jetzt den gegenwärtigen Besitzhaltern das Wort redeten und des Himmels Strafen auf sie herab prophezeiten, wenn sie die Godos im Stich ließen? Lieber Gott, die predigten auch nur für ihr eigenes Interesse, denn sie wußten, daß sie Mosquera des Landes verwiesen hatte, gerade ihrer ewigen, revolutionären Predigten wegen. Und welches Gute war ihnen je durch die Pfaffen geworden? Die eigentlichen Bewohner von Buenaventura neigten auch in der That viel mehr der Partei Mosquera's als seines Gegenkandidaten zu, aber was konnten sie machen, wo der Feind ihre Stadt besetzt und sie so gewissermaßen in Händen hielt? Sie mußten ruhig abwarten, wie sich des Krieges Glück gestalten würde, und nur der wirkliche Sieger durfte auf ihre Hülfe rechnen.
General Oran, der jetzige Befehlshaber der Stadt, kannte auch seine Leute recht gut und zeigte ihnen nicht mehr Vertrauen, als er nothgedrungen mußte. Waffen gab er ihnen deßhalb gar nicht, und nur draußen an den Schanzen mußten sie – sehr gegen ihre Neigung – unter der Aufsicht seiner Offiziere arbeiten und die Befestigungswerke verstärken helfen, die sie am Liebsten ganz wieder niedergerissen hätten, um es zu gar keinem Kampfe kommen zu lassen. Aber es half ihnen eben nichts, und wenn sie sonst fast zu lässig waren, ihre eigenen Papier-Cigarren selber zu drehen, so mußten sie jetzt mit Hacke und Schaufel im Schweiße ihres Angesichts den Grund durchwühlen, wenn sie nicht als »Vaterlandsverräther« angeklagt und in's Gefängniß geworfen werden wollten.
Bill kümmerte sich indessen wenig um die verschiedenen kleinen Trupps, die mit ihrem Werkzeug auf den Schultern hinaus zu den frisch aufgeworfenen Schanzen zogen. Er suchte das Gouvernementsgebäude, wo er seine Kameraden wußte, und brauchte sich nicht einmal lange danach umzusehen, denn schon unterwegs traf er Soldaten, die ausgeschickt waren ihn zu holen, und ihm mit Zeichen bedeuteten, daß er ihnen folgen solle.
Vor dem Gouvernementsgebäude wimmelte es auch wirklich von bewaffneten Menschen, die man aber eigentlich kaum Soldaten nennen konnte, da sie aus allen Ständen des Lebens zusammengewürfelt schienen und nur in ihrer großen Minderzahl Uniformen trugen – und was für Uniformen! – alte blaue Jacken, hier eine mit einem rothen Aufschlag, dort mit einem blauen, da mit gar keinem. Gewehre hatten allerdings die Meisten und auch Patrontaschen, oder wenigstens Beutel zu ihren Patronen anhängen. Viele trugen aber auch nur Lanzen von der verschiedensten Länge, oft bloße Bajonnete auf eine Gartenstange oder ein Bambusrohr gesteckt. Manche waren auch nur mit Kavalleriesäbeln und Pistolen bewehrt – aber zu Fuß; doch ein vollständiges Musikkorps mit großer Trommel, Cymbeln und Pauken spielte dazu einen lustigen Marsch und hatte besonders eine Menge von Frauen und Mädchen um sich her versammelt, die den schmetternden Tönen mit Wohlgefallen lauschten. Was kümmerte sie der Bürgerkrieg, waren sie doch von Jugend auf daran gewöhnt und fast nur auf solche Scenen zu ihrer Unterhaltung angewiesen.
Bill hielt sich nicht lange unten auf, sondern sprang die Treppe hinan, wo er denn auch richtig die Kameraden fand, an welche man ebenfalls Waffen austheilte. Bob besonders hatte schon einen großen Säbel umhängen und bekam jetzt noch eine Patrontasche nebst einer entsetzlich schweren Muskete, schien aber – wie auch die Uebrigen – nichts weniger als erbaut von der neuen südamerikanischen Beschäftigung.
Gestern, ja, von dem reichlich – und vielleicht zu reichlich genossenen Grog angeregt, hatte ihnen die Abwechslung im Leben und vielleicht auch der Gedanke, in Südamerika einmal Soldat zu spielen, Spaß gemacht; heute aber, wo sie nüchtern geworden waren und auch die Kehrseite des Bildes betrachteten, gefiel es ihnen gar nicht mehr so außerordentlich, und sie wären heute vielleicht viel lieber wieder in ihr Boot gesprungen und die Küste weiter hinauf gesegelt, als hier in der glühend heißen Sonne und durch den Schlamm eine alte Muskete herum zu schleppen – denn, daß es zu irgend einem Kampf kommen würde, glaubten sie nicht einmal.
»Well, Bill!« rief Bob diesem entgegen, als er ihn erblickte, »glücklich endlich unter den »Marines« angelangt. Hol's der Teufel, jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß sie uns auch noch ein paar Stunden in der Sonne draußen einexerzirten.«
»Hallo, Jungens,« lachte Bill, »ihr seht wirklich ordentlich martialisch aus, aber – habt ein Bischen Acht auf Euch. Es geht los.«
»Das alte Ding von Muskete hier?« sagte Bob, »ich glaub's nicht.«