»Fürchten? — vor dem Essen? na ja« sagte ihr Mann — »ich möcht' mir lieber die Ärmel dazu aufstreifen, so 'nen Hunger hab' ich; aber kommt nur, da bimmelts schon wieder — was der nur mit dem Bellen wollte?«
Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn die Glocke unten läutete allerdings schon wieder, und die Männer schlugen sich deshalb rasch den Staub ein wenig mit den Händen von den Ärmeln, dem Rockkragen und den Hosen vorn herunter, und stiegen die Treppe nieder, wo ihnen das merkwürdige Gesicht des Barkeepers, der seine Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebäudes breit und weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, schon zunickte sie sollten machen daß sie herein kämen. Das ließen sie sich denn auch nicht zweimal sagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich geräumigen Speisesaal, in dem eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen bedeckt, und schon auch fast vollständig von Gästen besetzt war.
»Hallo die Oldenburger!« rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen, »wo kommt Ihr her, vom Schiff?«
Die Leute schauten überrascht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an der Tafel, die, so wenig sie sich an Bord um sie bekümmert hatten, jetzt doch freundlich grüßend nach ihnen herübernickten, und ganz zufrieden damit schienen unter den vielen Fremden um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.
In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze Coyen von den Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier versammelt, von denen die meisten schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen in der Stadt gefundenen Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.
Herr Messerschmidt mußte in dieser Zeit ungemein thätig gewesen sein, und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis, alter Gewohnheit nach, neben einander sitzen und erkannten die Herren Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben diesen den schwärmerischen Theobald, während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse und Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich Meier an Bord nannte, Platz genommen. Aber seine Frau saß nicht neben ihm, obgleich mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen die Oldenburger angedeutet hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen waren.
Diese ließen sich aber immer noch mit einer gewissen Scheu an dem, für ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; das verlor sich jedoch schon bedeutend nach der Suppe, und verschwand gänzlich wie sie die rege Geschäftigkeit der um sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer zulangten als irgend Einer der Übrigen.
Das Gespräch bei Tisch führte indessen fast allein ihr früherer Reisegefährte Steinert, der hier schon so zu Hause schien, als ob er seit Jahren Stammgast gewesen, und mit allen Leuten bei Tisch auch bekannt geworden sein mußte, denn er nannte sie sämmtlich bei Namen, und lachte und erzählte nach Herzenslust. Mehlmeier amüsirte sich dabei am meisten über seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und gewöhnlich erst dann an zu lachen fing, wenn die Übrigen das Erzählte schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei seinem Lachen ein sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten das nur seine nächsten Bekannten.
Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise die ganze Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt geschehen konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte Hand halb unter die verschiedenen Physionomieen und Profile und fuhr dann, wenn sich Einer der also auf's Korn genommen zufällig nach ihm umdrehte, so zusammen und griff rasch nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend etwas Böses begangen hätte und dabei erwischt wäre.
Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen sprachen bei Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten der Gäste, so rasch als möglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgestanden waren, wurden die Teller und Messer und Gabeln gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit den Hausgenossen in den indeß von den Übrigen geräumten Speisesaal gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers der einen mächtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre Mahlzeit.