»Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn sie ihn erwischt hätten wär es ihm schlecht gegangen. Wetter noch einmal es muß doch ein ganz wundervolles Gefühl sein, wenn man irgendwo was ausgefressen hat, mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glücklich Salzwasser erreicht, und nun draußen frank und frei, mit einem Schlage jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, »durch die Wellen streicht, Fridolin«.«
»Nun sogar gefährlich sind die Leute doch auch nicht immer,« lächelte Herr Schultze freundlich vor sich hin, »wissen Sie die Gesellschaft, die uns die Herrn mit den egalen Mützen selber noch im Hafen an Bord brachten?« —
»Oh Doris, wärst Du nur verschwiegen,« citirte Steinert seinen Lieblingsschriftsteller; »was hilft es solche Sachen an die große Glocke zu schlagen.«
»Nein, das seh ich aber gar nicht ein,« sagte Herr Schultze, »wenn die Regierungen indiscret genug sind ehrlichen Menschen zuzumuthen mit solchem Gesindel eine solche Reise zusammenzumachen, weiß ich auch nicht warum wir so discret sein sollen nicht darüber zu sprechen, oder vielmehr darüber zu schimpfen.«
»Aha,« sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tisch saß und bis jetzt den Gesprächen der Einwanderer aufmerksam zugehört hatte, indem er immer die Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen fest und stechend ansah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart, hatte sonst aber, außer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Gesicht — »aha,« sagte dieser jetzt, »wieder eine Sendung von Correktionsfleisch mitgekommen? — könnte es der Regierung der Vereinigten Staaten wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergälte und auch einmal eine Sendung ihres Auswurfs mit guten Pässen versehn nach Deutschland hinüberschickte. Drüben schimpft das Gesindel auf unser Land, und thut dabei alles Mögliche was in seinen Kräften steht die Bevölkerung hier zu vergiften — hilft ihnen aber doch Nichts, den Neidpilzen, die sich über unsere freie Verfassung ärgern, und denen es ein Dorn im Fleische ist daß wir hier in einer Republik glücklich leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trüben wollten.«
»Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,« nahm Steinert das Gespräch auf, »den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika eine wesentliche Veränderung hervorzubringen, als nur die einzelnen Individuen los zu werden. Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber vortrefflich. Amerika nimmt diese Körper in sich auf, verarbeitet sie, theilt ihnen seine Reine mit und läutert sich selber — halb zog sie ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.«
»Papperlapapp!« rief aber der Mann mit dem großen Schnurrbart, dem an Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar Nichts gelegen schien, »das klingt auswendig vernünftig, und ist inwendig baarer Unsinn — läutert sich — ja wohl läutert es sich, nimmt aber »diese Körper«, wie Sie das Gesindel nennen, nicht in sich auf, sondern hängt sie an Galgen oder Baum, was gerade am bequemsten und nächsten ist.«
»Hängen,« sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung beleidigt fühlte, unwillig mit dem Kopfe schüttelnd — »Nürnberger — hat sich was — für einen Schurken liefert Deutschland auch dafür dem rohen Lande hier tausend ehrliche Hände und geistreiche Köpfe dazwischen, die Schwung hier in die Geschäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müssen, wo Barthel eigentlich den Most holt.«
»Die haben Sie wohl mit herüber gebracht?« sagte der Rothbart wieder mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; dieser aber hielt es unter seiner Würde sich mit dem »ungebildeten Menschen« in weiteres Gespräch einzulassen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern, und indessen Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige politische Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.
»Beim Obertribunal kam kürzlich folgender interessanter Proceß in Kassationsinstanz« — las Schultze — »zur Entscheidung — Kläger war das Handlungshaus J. M. Oppenheimer in Rodach am Main — Verklagter der Justiz Commissar Ohnewetter in — «