»Hallo« — lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen hinein, die nicht allein von dem neu gefundenen Freund, sondern von allen Seiten und allen Arten von Ausrufern und Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn taub zu machen drohten »mit mir mußt Du schon noch deutsch reden, sonst verstehe ich keine Sylbe.«

»Just from Schermany gekommen?« rief aber der kleine Jude ihn erstaunt ansehend »und was mache se in Bamberg? stehen die vier Thirmle noch?« »tri scaleng a pieceonly tri bits, trois scaleng werry bong! who will puy?«

Wald sah wohl daß mit dem Burschen hier auf offener Straße, wo er jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren kaufen zu wollen, Nichts anzufangen sei, so also, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, kroch er ihm unter dem Kasten weg, faßte ihn hinten am Rockschoß, und zog ihn, während dieser noch unverdrossen ausschrie, rückwärts aus dem dichtesten Gewirr hinaus einer verhältnißmäßig stilleren Straße zu, die gerade dort wo sie sich befanden auf die Levée ausmündete. Diese Straße mit ihm hinaufgehend kamen sie bald zu einem Haus an dem auf weißem Schild mit grünen Buchstaben »Deutsches Kosthaus« geschrieben stand, und da Beide noch nüchtern waren, verständigten sie sich leicht dort hinein zu gehn und während der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu plaudern. Rosengarten war um so eher damit einverstanden, als er dabei auch nicht so viel Zeit unnöthig zu versäumen brauchte, denn essen mußte er doch.

»Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen gerade so viel zu thun?« frug ihn Wald — »so früh wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.«

»So früh?« rief aber der kleine Bursche — »so früh, und so viel zu thun? — kein Mensch kann das wissen, und Geld muß der Mensch hier machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde also die man versäumt, macht man kein Geld, und die ist verloren, kommt nicht wieder.«

Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so furchtbar in dem nichtswürdigsten Englisch und Französisch, mit sogar einigen spanischen Brocken, wie eben so schlechtem Deutsch durcheinander, daß sich Wald wirklich die größte Mühe geben mußte, nur zu verstehen was er im Ganzen sagen wolle, denn die einzelnen Sätze hatte er schon lange aufgegeben. Der Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen Erfolgen gab, war ungefähr kurz der folgende. Vor kaum einem Jahr von Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen, zuerst Monate lang vergebens gesucht bei irgend einem Landsmann und Glaubensgenossen in ein Geschäft aufgenommen zu werden. Was in einem solchen zu thun war, besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld, wenige Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wußte er in Verzweiflung wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann, den er endlich um Unterstützung anzugehn gezwungen war, gab ihm kein Geld, sondern borgte ihm ein Dutzend baumwollene Hosenträger, mit denen er ihm ganz ernsthaft rieth ein Geschäft selber zu beginnen, und er folgte dem Rath. Die Hosenträger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem Anderen einige Kämme, Zahnbürsten, Band und Stecknadeln, etc. Auch diese trugen gute Früchte, und in drei Monaten konnte er sich einen Glaskasten mit solch werthvollen Gegenständen anschaffen, daß er sich jetzt zu einem drei Real[6] pro Stück Krämer emporgeschwungen hatte, und goldene Ringe und Tuchnadeln, Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten, Ohrringe und überhaupt Byjouterieen in den Straßen der Stadt, als wandernder Tabulettkrämer feil bot. Amerika war übrigens das Land »Geld zu machen« seiner Aussage nach, und die Leute die drinnen hungerten, deren eigene Schuld sei es, und sie verdienten es eben nicht besser.

Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand sich hier ebenfalls in einer fremden ungewohnten Welt, der das bisher ertragene Schiffsleben nur einen noch höheren Reiz verlieh. Der lange Tisch, an dem eine Masse Menschen saßen und, ohne mit einander ein flüchtiges Wort zu wechseln, ihr Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als möglich wieder fertig zu werden, die Quantität der Speisen selber, und frisches Brod, frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker im Kaffee, lauter Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang schmerzlich vermißt, und später fast vergißt, daß sie überhaupt existiren, bis sie mit einem Male sämmtlich wieder in Armes Bereich auftauchen, hatten einen viel zu großen Reiz für ihn, nicht selbst seine Amerikanische Zukunft für den Augenblick in den Hintergrund zu drängen, und als Rosengarten — dem der Boden unter den Füßen an zu brennen fing, bis er wieder hinauskam auf den Schauplatz seiner Thaten — ihm die Adresse des eignen Kosthauses gegeben hatte, wo sie sich heute Abend wieder finden wollten, und dann fortgeeilt war sein Ausschreien auf's Neue zu beginnen, blieb er noch eine ganze Weile an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gefühl hin, wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen Stuhl aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu können, auf dem es der Mühe werth war einen Teller stehn zu haben, und nicht mehr, wie bisher, mit einem Blechnapf voll Erbsen und einem Stück salzigen Fleisch auf den Knieen so lange zu balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers, nicht des Wohlgeschmacks wegen hinuntergewürgt war.

Von den übrigen Passagieren hatten sich übrigens die wenigsten schon dem Genuß einer ordentlichen Mahlzeit hingeben können, denn jetzt auf ihre eigenen Kräfte angewiesen einen Beginn in dem neuen Land zu finden, mußten sie vor allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen für ihre künftigen Hoffnungen. Das aber war ein schwieriges und wichtiges Geschäft, da von dem einen Schritt vielleicht ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück abhing, und die Folgen, wie sie den Anfang nahmen, segensreich oder verderblich werden mußten.

Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie und den, an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie mit einer enormen Masse Gepäck (die ihn doch jetzt etwas besorgt machte, da er sie von dem Schiff nehmen sollte ohne genau zu wissen wohin) war gezwungen einen Entschluß zu fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder mit einem der Flußdampfer, von denen an jedem Tag drei oder vier, oft noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas mehr nördlich gelegenen Klima zueilen wolle.

Henkel, dessen Meinung er darüber ganz besonders schon unterwegs eingeholt, und der außerdem seine eigenen Gründe hatte den Professor mit seiner Familie so rasch als möglich von New-Orleans zu entfernen, rieth ihm unbedingt zu dem letzteren Weg. Louisiana war nicht allein ein Sclavenstaat, sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export producirendes Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht mit bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, den Boden in Angriff zu nehmen, kaum über Wasser halten konnte. Der Norden bot ihm dafür sicherere Hülfsquellen und ein besseres, dem Europäer mehr zusagendes Klima, wo sie ihre eigenen Kräfte verwerthen konnten, und mit einem weit geringeren Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte ihm dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit nördlich gehen wollte, Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen, denn trieben die beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren doch schon so viele nordische Einwanderer, besonders Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre eigene Arbeit verrichteten, daß die eigene Arbeit auch eben mit der Sclavenarbeit concurriren konnte, während der Ansiedler zugleich in einem nicht zu kalten Klima, alle Vortheile eines äußerst fruchtbaren Bodens, und außerdem verhältnißmäßig gesunden Landes genoß. Selbst Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen, war da zu empfehlen, noch dazu da dieß junge Land einmal eine große Zukunft hätte; wolle er aber ganz sicher gehn und hätte er ein paar tausend Thaler an einen Anfang zu wenden, so riethe er ihm die mehr östlichen Staaten, Indiana oder Ohio zu wählen, wo er gewissermaßen schon in eine civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im Wald zu beginnen brauche; Boote für den Ohiostrom gingen überdieß an jedem Tag ab und er habe die Erleichterung sein Gepäck, was je eher desto besser geschehe, gleich von Bord der Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen zu können, das ihn in die nächste Nähe, vielleicht vor die Thür seiner nächsten Heimath trüge.