»Frieden da!« rief aber der Kentuckier, »wir dürfen einen Mann nicht strafen, ohne ihn gehört zu haben; wählt einmal einen Richter unter Euch, Kameraden, und zwölf Geschworene; zu schwören brauchen sie weiter nicht, da wir keinen wirklichen Richter haben, und dann wollen wir der Sache gleich auf den Grund kommen.«

»Hurrah für den Kentuckier!« schrieen eine Masse Stimmen, froh jetzt irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen, »wählt eine Jury — wählt einen Richter!«

»Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!« rief eine feine Stimme durch den Lärm — der Steuermann war mit den übrigen Neugierigen ebenfalls herbeigekommen, zu sehn was es gäbe.

»Was schiert uns der Steuermann!« schrie aber ein langer Bootsmann aus dem Staat Mississippi dazwischen — »wir sind hier Passagiere und was wir untereinander haben, machen wir auch untereinander aus.«

»Ja wohl, ja wohl!« riefen Andere — »der Kentuckier soll Richter sein; Hurrah für den Kentuckier!«

Unter Lärmen, Lachen und Schreien, während der ertappte Dieb jetzt freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt sah, daß an ein Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt auch eine Jury aus den Passagieren gewählt, wozu man jedoch nur Amerikaner nahm, und den Angeklagten dann frug ob er mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem doch nicht wohl dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte gegen ein solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer daß er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden ruhig geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein ehrlicher Mann sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der ihn vor einer solchen Behandlung wie sie ihm hier widerfahre schützen müßte, oder er verklage ihn selber in der ersten Stadt an der sie anlegten, wegen Mishandlung seiner Passagiere.

Das half ihm übrigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck hatten Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die Nacht hindurch die Zeit vertriebe, und die Bootsleute selber, Capitain und Steuermann, hüteten sich schon da einzugreifen, wo sie doch recht gut wußten daß ihnen die Macht fehlte, noch dazu da es hätte zu Gunsten eines Burschen geschehen müssen, gegen den doch ziemlich gegründeter Verdacht wenigstens beabsichtigten Diebstahls vorlag.

Dem Angeklagten nun hätte es frei gestanden gegen sechs aus der Jury, Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen, wofür dann andere gewählt worden wären; da er aber gegen die ganze Jury protestirte, und ihr das Recht abstritt über ihn zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten, und das Verhör begann. Veitel Kochmer, der sich jetzt übrigens gern von der ganzen Geschichte zurückgezogen hätte, bekam einen Dolmetscher, und mußte besonders in figura wieder zeigen wie sie Beide gesessen hatten, während man noch alle übrigen Zeugen vernahm, die vorher die beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit angesehn.

Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert Zeugen für sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum, das sich aber weit besser ruhig verhalten hätte, trat jetzt freiwillig auf, und erklärte den Angeklagten schon seit einer Reihe von Jahren als einen braven, in seiner Heimath geachteten, und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen Mann zu kennen. Dem Burschen stand das Wort »Gauner« aber mit so deutlichen Zügen auf der Stirn geschrieben, daß die ganze Jury laut lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach, und der Angeklagte selber schien nicht sehr mit der Fürsprache zufrieden zu sein. Es war ein langer hagerer Gesell, der neue Zeuge, mit einer hellgrünen Flanelljacke an, die sehr kurz in den Ärmeln, seine Gelenke und dünnen Armen weiter zeigte als gerade schön sein mochte; auf dem einen Auge schielte er dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und demselben Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord rühmen dem Blick des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet zu sein. Einen alten zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf dem struppigen Haar gehabt, drückte er, so lang er mit der Jury sprach, in den Händen herum.

Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz ordentlich gekleideter Mann an Bord für diesen einzeln Fall gemeldet hatte, trat jetzt auf und versicherte der Jury, unter dem schallenden Gelächter sämmtlicher übrigen Passagiere, nur nicht der beiden Freunde, daß dieser Zeuge die Sache des Angeklagten eher verschlimmert als verbessert habe, hob dann noch einmal in sehr glücklich gewählten, meist humoristischen Wendungen das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor, wo Alle so zusammengedrängt waren daß sie schon ohnedieß Einer die Hände in den Taschen des Anderen haben mußten nur stehen zu können, und eröffnete schließlich den geehrten Geschworenen, daß ihnen kaum etwas anderes übrig bleiben würde als den Mann zu — hängen, wie seinen Freund Landes zu verweisen.