Capitel 9.
Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.
Die »Haidschnucke« hatte indessen, wie schon vorher erwähnt, ihren Passagieren gleich am ersten Tage angekündigt, daß sie sich nun, je eher desto besser, ihr Unterkommen an Land selber suchen sollten, da das Schiff nicht weiter verpflichtet sei für sie zu sorgen. Fast alle waren auch, so rasch sie nur ihr Gepäck bekommen konnten, von Bord gegangen, selber froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich enthoben zu sein; nur einige der ärmeren Familien, und unter ihnen wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs gerade am meisten und lautesten über Kost und Behandlung raisonnirt, und sogar häufig davon gesprochen hatten die Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans wären, für nicht erfüllte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch nicht die mindeste Lust sich durch Hinüberschaffen ihrer Kisten an Land von dem Fahrzeug zu trennen.
Sie waren, der Sprache natürlich nicht mächtig, von dem sie überall umwogenden Menschen-Gewühl wie betäubt, den ganzen Tag in den Straßen der ungeheueren Stadt förmlich umher getaumelt, und nur hie und da mit anderen Deutschen, in gleichen Verhältnissen zusammengetroffen, die auch Arbeit suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, daß man sie ihnen auf der Straße anbieten würde. Hie und da fanden sie dabei irgend ein deutsches Schild über einer Thür, das entweder einem Wirthshaus oder Kleiderladen gehörte, und dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach den Verhältnissen des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem einen Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, wenn auch nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt. So verging der Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen kehrten sie Abends an Bord zurück.
Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vernünftig die Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich gleich hinauszujagen; auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch gegeben wurden, kam es nicht an, der Koch war an dem Tag auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und Frühstück wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der nächste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und ihnen in den Weg lief, Arbeit zu bekommen. »Vor drei Monaten, ja,« so wurde ihnen fast überall die Antwort, »wie die Krankheit Alles hinaustrieb aus New-Orleans, was eben nicht zu bleiben gezwungen war, da hätten sie Arbeit bekommen können, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern sollten — bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren — aber jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus dem Norden wieder zurückgekehrt, und Arbeit war schon noch zu bekommen, aber eben nicht mehr so leicht; man mußte Geduld haben.
Geduld — ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die Gewißheit eines Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben bis dahin, neben seiner Geduld Brod hat, davon zu zehren; wo das aber fehlt, und der fremde Einwanderer sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein auf sich selber angewiesen sieht, und mit Schrecken fühlt daß er sich eben auf sich selber, ohne andere Hülfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz verzagt da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom ersten Ansprung ab verloren.
Der Capitain hätte die Leute aber selbst am nächsten Tag noch nicht fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders für sie gekocht werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback und etwas kaltes Fleisch geben lassen, wenn sie nicht gleich ein Unterkommen finden konnten; der Steuermann aber, der sich gerade über diese Burschen die ganze Reise hindurch am meisten geärgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn sich niemand Andres darüber beklagte, ließ sich am dritten Morgen auf keine weiteren Unterhandlungen mit ihnen ein, befahl den Matrosen die Kisten und Kasten, die schon an Deck standen, da das Zwischendeck abgebrochen wurde, ohne weiteres auf die Levée zu schaffen, und erklärte dann den bisherigen Passagieren daß sie von diesem Augenblick an nichts weiter von der Haidschnucke zu erwarten hätten — »er wolle ihnen nicht zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den ranzigen Speck und den dünnen Thee noch länger zu kauen und hinterzuschlucken.«
Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten und baten den Capitain, als er von Land zurück kam, um Gottes Willen sie nicht hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber wieder mit zurück nach Deutschland zu nehmen, wo sie arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre Passage abzuverdienen — nur daß sie hier nicht in dem fremden Land auf der Straße verderben und umkommen müßten.
Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr häufig eine höchst ungünstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie nur in sehr seltenen Fällen zu sehn bekommen, denn da ihnen häufig Matrosen desertiren, sind sie so daran gewöhnt diesen das schrecklichste Schicksal und Hunger und Elend zu prophezeihen, daß sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt wirklich selber glauben. Sie fühlen dabei nicht selten ordentlich eine Art von Mitleid mit all den unglücklichen Schlachtopfern, die sie in das fremde Land transportiren müssen, und die ihrem Elend da höchst wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen; sie aber wieder mit zurückzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen nicht, und die Leute, die vorher alles Mögliche gethan haben nur von Deutschland nach Amerika hinüber zu kommen, müssen nun auch sehen wie sie hier drüben »fertig werden.«
Es ist ein schmerzlich, wehmüthiges Gefühl, in Deutschland die langen Züge armer Auswanderer zu sehn, die, das Herz wohl voll frischer Hoffnungen, aber dabei nur zu oft mit Mangel und Noth kämpfend, die Heimath mit Frau und Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei bis zum Äußersten, scheu und schüchtern vor Jedem, der einen besseren Rock trägt wie sie, herumgestoßen und geprellt, so lange noch etwas aus ihnen herauszupressen ist, in der dritten oder vierten Klasse der Eisenbahn, wenn sie so viel Geld erschwingen können, oder zu Fuß mit den schweren Packen auf den Rücken oder den Kindern auf dem Arm, arbeiten sie sich dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie dann dort am Strande sitzen und des Bootes harren, das sie hinüber führen soll zum großen Schiff, möchte man weinen über die Unglücklichen, die die Gräber ihrer Väter verlassen haben in Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt meiden müssen, an der ihr Herz mit allen Fasern hängt.