»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Sie müssen ja krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?«
Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam mit dem Kopf.
»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem Schicksal des Bruders?«
»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend.
[pg 232]»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?«
Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme:
»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo ich herkäme und um meinen Namen, und dann —
»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr Antlitz wieder zitternd in den Händen barg —
»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu — »daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich, rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein stilles, kühles Bett.
Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach, brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt zu haben, waren aber früh ge[pg 233]storben, und die Waisen sich selber überlassen gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen, ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte das reine, [pg 234]vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste Zweifel an den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und doch wußte sie daß er keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei.