Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Küche ging, in Abwesenheit der Herr[pg 063]schaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen an, daß sie die Vorsaalthür auch ordentlich, »zweimal herum« abgeschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, und Niemanden in der weiten Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben könne. Trotzdem aber sei die Vorsaalthür, als sie wieder nach oben gekommen offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie hätte selber im Anfang nicht begreifen können wie das möglich wäre, aber auch nicht weiter darüber nachgedacht, und es ihrer eigenen Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um — sie wollte erst nicht mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar drängte gar so sehr — um den jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch zehn Minuten der Köchin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genäht hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fräuleins Zimmer betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl müsse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen hätten, verübt sein — anders war es nicht möglich.

»Wer aber hatte den Blumenstock in des Fräuleins Zimmer gestellt?«

»Einen Blumenstock? — während die Herrschaft fort war?«

[pg 064]»Allerdings, eine Monatsrose — in das Fenster nächst der Thür.«

»Der das gethan hat, müsse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit einem Nachschlüssel zur Thür hereingekommen sein, als der Diebstahl verübt worden, denn sie hätte keine Seele im Haus gesehn.

Die Dienstboten hatten indessen mit einander geflüstert, als der Actuar das Wort nahm und mit langsam bedächtiger, aber ziemlich ernster Stimme sagte:

»Hört einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen wärt, damit dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort — Ihr seid die Einzigen die unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht wäre es gewesen —

»Aber Herr Actuarius« —

»Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe — und Euere Pflicht wäre es gewesen, sag' ich, aufzupassen, daß niemand Fremdes den Platz betrat, der Euch anvertraut war, und für den Ihr also auch in der Zeit zu stehn hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und etwas geholt, und man wird sich jetzt an Euch halten müssen, bis der Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten — was ist gekommen?«

»Dullmanns Rieke von über dem Weg drüben,« sagte die Köchin jetzt, gegen den Actuar vortretend, »will den Loßenwerder haben heimlich aus dem Haus schleichen sehn. Da haben Sie einen; uns brauchen Sie so etwas nicht unter die[pg 065] Nase zu reiben, Herr Actuar — wir sind ehrliche Dienstboten die sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweiße ihres Angesichts — «