Frau Actuar Ledermann hatte sich übrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen war, furchtbar erkältet, und brachte keinen lauten Ton über die Lippen. Das aber, und daß sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen Kraft ihrer Stimme hinausgießen konnte über den Gatten, wie sie es — und er auch — gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte — und sie hatte ihm viel zu sagen — herausflüstern mußte, reizte ihren Zorn nur noch immer mehr.
»Aber liebes Kind, ich versichere Dich,« sagte der Actuar [pg 071]in einem vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, »daß ich mich über anderthalb Stunden bei dem verwünschten Diebstahl im Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und — «
»Und ich versichere Dich,« zischte sie, mit einem Gesicht, dem die Anstrengung die es sie kostete die Worte hörbar zu machen, einen noch viel unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab — »daß ich Dich vor anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe.«
»Aber Du bist ja gar nicht angezogen, beste Therese.«
»Weil ich mich wieder ausgezogen habe,« rief die Frau — »glaubst Du ich soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht und Nebel noch draußen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen haben? — Und dann mit meinem Katharr — daß ich mir den Tag über im warmen Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das fällt Dir nicht ein; aber Nachts, wenn der schädliche Thau niederfällt, der für mich gerade Gift wäre, da möchtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr? damit ich nur recht schnell unter die Erde käme — o ich armes unglückseliges Weib — «
»Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn — «
»Weil Du wußtest daß das nichtsnutzige Geschöpf von [pg 072]einer Wäscherin mir mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen würde,« zischte die Frau.
»Aber Du hast ja noch andere — «
»Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen Fahne zu einem anständigen Vergnügungsort hinausziehn, nicht wahr? — Dir läge natürlich Nichts daran was die Leute über Deine Frau sagten; aber Du bist auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen auszugehen, mußt Du natürlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen.«
»Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt« — sagte der Actuar ruhig, »dann aber Therese,« fuhr er nach kleinem Zögern, mit einer fast gewaltsamen Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort — »bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, daß ich mir eben außer dem Hause mein Vergnügen suchen muß.«