»Loßenwerder,« sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen Schulter legte, »Loßenwerder, noch gestern würde ich eben so leicht geglaubt haben, daß eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten, unrechtlichen Streiches fähig wäre, bis mich leider die immer deutlicher [pg 090]sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich wankend gemacht haben.«
»He — he — he — he — he — herr Do — Do — Do — Do — — Dollinger« —
»Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen,« sagte da der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnütze Wort zu ersparen — »gestern, während unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Töchter erbrochen und das Dir bekannte Geld entwendet worden — drüben über der Straße hat Dich ein Mädchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist. Ebenso bestätigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du hättest das Haus durch die nach dem Hofe zu führende Thür verlassen wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist, zurückgefahren, und dann auch nicht über den Hof gekommen wärst. Das Stubenmädchen, die keine Ahnung davon haben konnte daß Geld in dem Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, daß sie, wenige Minuten später, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die Vorsaalthür nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiß wäre, daß Niemand die Schwelle mehr überschritten habe, bis sie den zurückkehrenden Wagen in den Hof einfahren gehört. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung, die man an Dir nicht gewöhnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen allerdings das Schlimmste fürchten. Loßenwerder — ich brauche Dir nicht zu sagen, wie weh — wie [pg 091]weh mir das gerade von Dir thut, und ich wollte die doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es nicht geschehen wäre. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das noch in Deinen Kräften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem übrigen Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch Alles thun was in meinen Kräften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein anderer Welttheil mag Dir nachher in späterer Zeit Gelegenheit geben Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, für was ich Dich, selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe.«
Loßenwerder hatte während dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth daß er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal vielleicht mit dem vollen Bewußtsein der gegen ihn erhobenen Anklage — oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrückt, denn wer konnte in den stieren, überdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit großen Schweißperlen bedeckten Zügen das richtige lesen — umfaßte er die Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser nur mit äußerster Anstrengung einen Sinn herausfinden mußte — ihn nicht unglücklich zu machen — Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.
»Ein aufrichtiges Geständniß, Loßenwerder,« entgegnete darauf Herr Dollinger, »ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas erleichtern kann. Das Gericht wird einen [pg 092]unbewachten Augenblick, dem die Reue auf dem Fuße folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnäckigen Uebelthäter.
»A — a — a — a — a — aber ich bi — bi — bin ni — ni — ni — nicht schu — schu — schu — schuldig,« — stotterte der Unglückliche — »ich we — we — we — we — weiß vo — vo — vo — von Ni — ni — ni — nichts — «
»Du weißt von Nichts, Loßenwerder?« sagte Herr Dollinger leise mit dem Kopf schüttelnd — »und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher die Fünfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?«
»Ge — spa — pa — pa — pa — partes Geld — e — e — e — e — e — ehrlich ge — ge — gespartes G — g — g — geld!« stammelte der arme Teufel.
Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er ein paar Worte in's Ohr flüsterte und dann, während dieser leise und traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verließ. Loßenwerder aber, der ihm ängstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung fühlte daß man ihn fortführen — in ein Gefängniß bringen werde, ergriff wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn um Gottes — um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, daß er ihm nur das nicht anthun — daß er ihn in kein Gefängniß möge führen lassen. Herr Dollinger erklärte aber natürlich darin Nichts thun zu können, denn wenn er Nichts gestehen wolle [pg 093]oder zu gestehen habe, so müsse allerdings das Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen, wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen würde.
»Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen,« stotterte der Unglückliche, »so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang« —