»Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?« rief er ihm schon von weitem entgegen — »das ist eine schöne Geschichte; jetzt dürfen wir den Frauen nie im Leben wieder vorwerfen, daß sie uns warten lassen.«

»Ich muß tausend Mal um Entschuldigung bitten,« sagte der junge Mann, zum Wagen hinantretend, »aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein.«

»Wir können ja hier warten,« sagte die Mutter.

»Ja, wenn die Pferde stehen wollten,« brummte Herr Dollinger — »zieh nicht so fest in die Zügel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und wird nur noch immer unruhiger — wir wollen langsam vorausfahren — machen Sie aber daß Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen[pg 015] Drachen trinken wir Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht — der Stalljunge mag hinüberlaufen und Ihnen das Pferd holen.«

Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel mußte aus dem Weg springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara freundlich lächelnd zunickte.

Eine starke Viertelstunde später sprengte der junge »Amerikaner,« seinem Thiere die Sporen gebend, daß es Funken und Kies hintenaus stob, über das Pflaster, zum Entsetzen der Fußgänger dahin, dem Wagen nach, den er nur erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im Stall wollte Niemand etwas davon gewußt haben, daß er sein Pferd bestellt gehabt — Einer schob die Vergessenheit natürlich auf den Andern, und Dollinger's Stallknecht mußte die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben zurückkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend, und dessen Entschuldigung nur halb hörend, rasch in den Sattel und flog, wie vorher erwähnt, in vollem Carrière die Straße nieder.

Er hatte den Hof kaum verlassen, als Loßenwerder, einen großen, wunderschön blühenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie scheu, daß ihn Niemand gewahre, über den Hof und in die Hinterthür des Hauses schlich, und sich leise und geräuschlos die Treppe damit hinaufstahl. Er [pg 016]blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus derselben Thür wieder über den Hof zurück, als der Stallknecht aus der Futterkammer kam. Unschlüssig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter der Thür stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht verlassen wollte, vorn zur Hausthür hinaus auf die Straße, den Weg nach seiner Wohnung einschlagend.


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Capitel 2.