»Seid Ihr allein?« frug die Stimme wieder — »ruhig Nero, ruhig mein Hund — was hast Du zu knurren, wenn ich Dir Nichts sage?«
»Ganz allein, aber naß wie eine Katze.«
»Wär' ein Kunststück heute trocken zu bleiben,« sagte die Stimme wieder, während oben und unten von der Thüre Riegel zurückgeschoben wurden, und diese sich dann langsam und vorsichtig öffnete. »Kommt herein,« sagte dabei der Mann — »der Hund thut Nichts, wenn ich bei Euch bin — braucht ihn nicht zu fürchten — Gott der Gerechte, ist das ein Wetter draußen — kommt zum Feuer und trocknet Euch.«
Er ging dem Fremden voran zum Kamin, störte die fast ausgebrannten Kohlen wieder auf, und warf ein paar frische Stücken Holz darauf, die Flamme heller auflodern zu machen. Von der Seite warf er dabei manchen verstohlenen Blick nach dem späten Gast, dessen Gesicht er in der Dunkelheit der Hütte bis jetzt noch nicht hatte erkennen können, und als das Feuer brannte, drehte er sich nach ihm um, bat ihn auf dem einzigen Stuhl, der am Kamin stand, Platz zu nehmen, und ging dann zu dem Reisesack, den er aufhob, einen Augenblick wie in der Hand wog, und dann ebenfalls zum Kamin trug, damit er, wie er meinte, trocken würde.
»Ihr werdet auch noch hungrig sein,« sagte er dabei, »Gottes Wunder ist das ein Vergnügen in solcher Nacht, mit solchem Fuhrwerk auf der Landstraße zu liegen, für solchen feinen und wahrscheinlich auch reichen Herrn; aber ich bring Euch gleich etwas zu essen.«
Hieran verhinderte ihn aber Hopfgarten; nur wenn er vielleicht ein Stück trocken Brod und einen Schluck Brandy hätte, möchte er ihn darum bitten; das sei vollkommen genug bis morgen früh, und er bedürfe nach der gehabten ungewohnten Anstrengung mehr der Ruhe, als irgend einer Nahrung.
Der Mann (und der Indiana-Farmer hatte ganz recht, es war jedenfalls ein Jude seinem ganzen Aussehn und Wesen nach), ging jetzt daran den Tisch, der mitten in der Hütte stand, für seinen Gast herzurichten; von einem an der Wand befestigten Bret nahm er ein kleines altes Stück Wachstuch, das er mit dem Ellbogen von alten Fettflecken oder Staub reinigte, breitete es dann auf den Tisch, legte einen halben Laib Waizenbrod daneben, nahm ein Messer aus der Schieblade, das er in das Brod hineinstieß, und ging dann zu einem kleinen Eckschrank, aus dem er eine grüne bauchige Flasche und und ein großes Glas herausholte. Hierauf füllte er einen kleinen eisernen Kessel mit Wasser, stellte ihn auf die Kohlen, und verließ auf kurze Zeit das Haus.
Hopfgarten behielt indessen Zeit sich in der niederen räucherigen Hütte etwas mehr umzuschauen, in der es ihm, er wußte eigentlich selber nicht weshalb, noch gar nicht so recht behaglich werden wollte. Wie unwillkürlich lief ihm dabei ein Schauer über den Leib — das mußte die Nässe und Kälte sein, die das Feuer aus ihm heraustrieb — und er sah sich wie scheu in dem engen Raum um, ja bereute fast in solcher Nacht ein solches Gebäu leichtsinnig betreten zu haben.
Und was für ein mächtiger Hund das war, der unfern des Kamins lag, und ihn mit den kleinen tückischen Augen so still und aufmerksam anstarrte; wie er den breiten schweren Kopf so klug und lauernd auf seinen Tatzen liegen hatte, und keinen Blick dabei von dem Fremden wandte, mit dem er noch keineswegs wußte woran er war. Die Augen des Hundes hatten ordentlich etwas Unheimliches. Und wie schwarz geräuchert die Mauern aussahen, glänzend von Fett und Ruß, und mit kleinen Schränken und Kasten ringsum die dunkle Wand umstellt, bis dort — Hopfgarten konnte einen leisen Schrei der Überraschung kaum unterdrücken, als sein Blick in diesem Moment auf die Gestalt einer alten, Mumienartigen Frau fiel, die sich aus der dunklen Ecke, in der sie gesessen und möglicher Weise geschlafen, langsam und hoch aufrichtete, und auf ihn zu, zum Feuer kam.
Es war der Typus des Häßlichen, Abscheulichen, dieß alte Weib mit den ihr wirr über die Stirn und Schläfe hängenden eisgrauen Haaren, den eingefallenen Wangen, hohlliegenden stieren Augen, und dem nackten braunen, runzeligen Hals, den Körper in einen alten Mantel fröstelnd eingehüllt, und die dürren knochigen Hände gegen das Feuer vorgestreckt.