Über Mittagszeit wurde es stiller auf der Levée — wie ein ebbender Strom drängten die Menschenmassen von dem Ufer fort — die Menge theilte sich — in die Straßen hinauf, auf die Boote selbst zog sich da Trupp nach Trupp, bis fast nur die einzelnen Wachen bei den Gütern blieben. Aber am Ufer hin, auf ihrem Gepäck, oder dem Ballast auch ruhend der in der Sonne glühte, lagen die Deutschen und Iren, an Stücken Schiffszwieback kauend, oder muldigem »Lootsenbrod«, das sie sich um ein paar Cent im »store« gekauft, den nagenden Hunger zu stillen. Das schmutzige Mississippi-Wasser, milchwarm im Sommer doch jetzt noch ziemlich kühl von den weiter oben treibenden Eisschollen, war ihre Labung dabei, und die Kinder — ach wie oft auch die Eltern — schauten dann wohl sehnsüchtig nach den Körben hinüber, die junge Negermädchen am Ufer auf und abtrugen, als Mittagsmahl für Manchen, den Pflicht oder Geschäft an die Levée bannte durch die Mittagszeit. Den Fremden boten sie die Waare nicht einmal mehr an — »no money, no cakey« lachten die munteren Dinger und schritten singend weiter, und den Kindern lief das Wasser im Mund zusammen bei dem leckeren Anblick, den sie freilich nicht greifen durften, und der ihnen das trockene harte Brod um so viel trockner, so viel härter schmecken ließ.

Ei wie das drängte und lief und mit den Tellern klapperte in den Boardinghäusern von New-Orleans; was sie für Geschäfte machten die »armen Wirthe« die sich für das Wohl ihrer Landsleute, dem eigenen Ausdruck nach, nur aufgeopfert. Wie in einem Bienenstock kamen und gingen die Gäste, im Flug förmlich die Speisen hinterschlingend, nicht zu viel Zeit auf solche Nebensachen zu verwenden.

Und in den deutschen Häusern — lieber Gott, bis unter die Decke, auf der Flur, und auf dem Hof selbst unter freiem Himmel, standen die Kisten aufgestapelt, und im innern Raum saßen sie festgedrängt Mann an Mann bei Tisch, im engen heißen Zimmer, ihr Brod im Schweiße ihres Angesichts zu verzehren.

Auch in dem »deutschen Vaterland« waren die Räume bis unter das Dach, die Tische gefüllt, soviel wie Stühle daran stehen wollten — freilich nur für solche, »die Geld hatten,« wie der alte Hamann meinte. Der ging aber jetzt immer kopfschüttelnd im Hause herum, und jammerte und klagte mehr als je, daß ihn seine Landsleute, die er gefüttert und verpflegt, rein ruinirten. — Aber er konnte auch Nichts weiter für sie thun — so gern er selbst es wollte — die Zeiten waren zu schlecht, die Leute wollten nicht zahlen, und was sollte da am Ende aus einem armen Boardinghauswirthe werden?

Sein Sohn war auch wieder von Arkansas zurückgekommen, und wenn er auch nicht gerade so brillante Geschäfte gemacht, wie sein Vater mit dem Waarentransport vielleicht erwartet, schien er doch, seit ein paar Wochen wenigstens, und nachdem er etwa vierzehn Tage wieder im Haus gewesen, den alten Trotzkopf abgelegt und keinen solchen Widerwillen mehr vor der Wirthschaft selber zu haben, der er sich zu des Vaters inniger Freude thätig annahm — wenn dieser auch freilich die Hauptgeschäfte noch selber besorgen mußte.

Auch mit seiner jungen Wirthschafterin hatte der alte Hamann einen vortrefflichen Fund gethan, und Hedwig seine Erwartungen in jeder Hinsicht so weit übertroffen, daß er wirklich manchmal gewaltsam an sich halten mußte, sie nicht laut zu loben; das hätte sie nämlich leicht zu dem Verlangen einer Gehaltserhöhung locken können, die er wenigstens nicht selber leichtsinnig herbeiführen wollte. In dem Theil der Wirthschaft, welchem sie, bei dem sich mehr und mehr ausbreitenden Geschäft, vorstand, war auch Nichts zu wünschen übrig, und eine Sauberkeit herrschte in Wäsche und Geschirr, in Tisch- und Bettzeug, die ihn mit den wenigen Mitteln in Erstaunen setzte, und da erhielt, wo früher die Hälfte in Schmutz verdorben und untergegangen war.

Hedwig arbeitete vom frühen Morgen bis in die späte Nacht; überwachte die Beschäftigung der andern weiblichen Dienstleute, und schaffte selber mit einer Thätigkeit, die Herr Hamann wohl mit innigem Vergnügen, aber auch mit dem festen Bewußtsein sah, daß die Sache nicht lange so fortdauern würde. Deutsche Dienstmädchen werden von Amerikanern und Deutschen immer gesucht, so lange sie eben frisch von Deutschland kommen, sind sie aber erst einmal eine Weile im Lande, lernen sie die Verhältnisse näher kennen, und sehen sie besonders, wie es Andere ihres Gleichen machen, dann arten sie auch fast immer aus, verlangen höhern Lohn, machen sich ihre Arbeit leicht, fangen sich an zu putzen und ihren Dienst zu wechseln, und haben sich damit, wie sie meinen, amerikanisirt. Hedwig dachte aber nicht an etwas derartiges; glücklich in dem Bewußtsein sich jetzt nicht allein ihr Brod verdienen, sondern auch das unglückliche Opfer des Mannes, der sie selber, durch ihren armen Bruder so elend gemacht, unterstützen zu können, war ihr ganzes Streben nur darauf gerichtet, ihre Pflicht zu erfüllen. Diese Thätigkeit, mit einer, schon nach den ersten Wochen erlangten, fast selbstständigen Stellung in dem Hause, gab ihr eine unendliche Ruhe und Zuversicht, ja fast eine Heiterkeit, die das arme Kind in ihrem ganzen Leben noch nicht gekannt.

Nur eines lag ihr dabei schwer auf der Seele, ja füllte ihre Augen oft mit Thränen, und ihr Herz mit der Furcht, doch diesen Platz nicht lange behaupten zu können, und wieder in die Welt hinaus zu müssen, die sie eigentlich noch gar nicht kannte, und die sie wieder und wieder kalt zurückgestoßen hatte.

Es war das Leben und Treiben ihres Brodherrn selber, wie dessen Gehülfen, des Ausschenkers, den armen Auswanderern gegenüber, die Zufall oder Noth in ihren Bereich warf, und denen sie — es konnte ihr das bald nicht mehr entgehen — abpreßten was ihnen abzupressen war, um sie nachher von Allem entblößt auf die Straße zu werfen. Fortwährend mit den Unglücklichen in nächster Berührung, hörte sie täglich deren, meist nur immer schüchtern laut werdende Klagen, sah, wie sie Schritt für Schritt dem Verderben entgegengingen, und konnte doch nur so selten helfen.

Das Bettzeug des ganzen Boardingshauses bestand einzig und allein aus Wäsche, die von den Unglücklichen in Versatz genommen, und selten oder nie wieder an sie ausgeliefert wurde; ein Nähmädchen, das ebenfalls ihre ärmliche Kost hier abverdienen mußte, war Tag um Tag beschäftigt die alten Zeichen auszutrennen, und die Bett- und Tischtücher und Hemden neu zu marken. Die Küche wurde tagelang mit alten Auswandererkisten geheitzt, und Jimmy der Barkeeper that dabei mit allen nur erdenklichen Listen sein Möglichstes, die Männer, die sich regelmäßig und halbverzweifelt die Abende in dem Schenkzimmer umhertrieben, zum Trinken zu verlocken, wobei er nie versäumte mitzuzechen. Wenn er sich dann auch nur ein paar Tropfen in's Glas goß, denn er mußte wenigstens nüchtern bleiben, wurde das den armen Teufeln, die so schon nicht wußten, wie sie die Ihrigen unterbringen und vor Mangel schützen sollten, doch immer für voll angerechnet, und wie die Rechnungen dadurch aufliefen, verringerte sich die Möglichkeit für die Fremden, sie zu der bestimmten Zeit zahlen zu können, wo ihre Sachen dann dem Hause verfallen waren.