Der arme Teufel sah gar so dürftig aus; der alte fadenscheinige Sommerrock den er trug, war ihm überall, aber besonders in den Ärmeln zu eng und zu kurz, und an den Ellbogen ausgerissen, ging vorn nicht zusammen und zeigte eine eben so defekte Weste und Beinkleider; nur das Hemd war weiß und sauber gewaschen, während ein alter, arg mitgenommener Strohhut ihm ziemlich hoch auf dem Kopf saß, und mit einem, unter dem Kinn durchgehenden Bindfaden, den Verdacht rechtfertigte, nicht für den Kopf, den er jetzt gegen die ziemlich heißen Sonnenstrahlen nothdürftig schirmte, gemacht und bestimmt gewesen zu sein.

»Aber mein guter Herr Mehlmeier,« sagte Hopfgarten, dem es ein eignes wehes Gefühl war, den sonst so ordentlichen und anständigen Mann in einem solchen Zustand vor sich zu sehn, »wie um Gottes Willen sind Sie zu dem Handel und — zu — zu dieser Beschäftigung gekommen?«

»Zu den Kleidern? wollten Sie sagen, nicht wahr Herr von Hopfgarten,« sagte Mehlmeier mit einem schwachem Versuch zu lächeln — »ja, sie passen nicht recht,« setzte er mit einer ebenso vergeblichen Anstrengung hinzu, seinen Arm soweit aufzudrehen, den Ellbogen in Sicht zu bekommen — »es war ein Lohgerber, von dem ich sie in diesem Zustand überkommen. Mir haben sie Alles gestohlen was ich hatte.«

»Alles gestohlen?«

»Jawohl,« sagte Herr Mehlmeier und schüttelte dabei freundlich mit dem Kopf — »aus dem Koffer heraus.«

»Aber wie war das möglich?« rief Hopfgarten.

Capitel 4.
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»Ja lieber Gott, die Leute machen hier Manches möglich,« seufzte Mehlmeier — »ich hatte den Koffer im Wirthshaus stehen, wo eben die anderen Sachen auch standen, und zwar in der nämlichen Stube in der wir schliefen. Über Nacht hat sich da, vielleicht Einer von meinen Schlafkameraden, vielleicht ein Fremder, die Mühe genommen meinen Koffer, der ihm wohl am anständigsten aussehn mochte, zu öffnen und Alles herauszupacken was er darin fand. Nur ein altes Paar Hosenträger und einen Pfeifenkopf hat er mir darin gelassen, und der leere Koffer, mit diesem Inventarium und sechs Hemden und eben soviel Paar Strümpfen, die glücklicher Weise in der Wäsche waren, bildeten am nächsten Morgen mein sämmtliches Besitzthum — ich konnte nicht einmal hinunter zum Frühstück gehn.«

»Du lieber Gott, das ist ja zu traurig,« sagte Hopfgarten, »und da wurden Sie Schwefelholzverkäufer?«

»Doch nicht gleich, bester Herr von Hopfgarten,« sagte Herr Mehlmeier ihm zunickend — »doch nicht gleich; zuerst versuchte ich es mit einer Handarbeit, die ich freilich nicht so rasch fand, dann aber auch nicht im Stande war durchzuführen. Ich ging nämlich an die Levée, zwischen den Negern und Bootsleuten Fracht ein- und auszuladen; bekam aber schon am ersten Abend solche entsetzliche Blutblasen in die, ähnliche Behandlung nicht gewohnten Hände, und wurde außerdem von meinen Mitarbeitern, denen ich nicht genug that, so schlecht behandelt, daß ich mehre Tage beide Hände in einer Binde und fest umwickelt tragen mußte. Geld hatt' ich auch nicht mehr — der Wirth wollte meinen leeren Koffer nicht länger als Bürgschaft für später zu leistende Zahlung annehmen, und da ich auch keinen Credit finden konnte in einem anderen Geschäftszweig irgend einen Handel zu beginnen, so warf ich mich mit meiner ganzen Energie auf die Schwefelhölzer, Herr von Hopfgarten, und verkaufe doch jetzt täglich davon so viel wenigstens, meine Kost hier auf dem Markt, die sich viel billiger wie im Boardingshaus herausstellt, zu zahlen, und zu gleicher Zeit ein kleines Capital dabei anzusetzen, wieder zu einiger Maßen anständigen Kleidern zu kommen.«