Von Hopfgarten war ein eigenthümlicher Charakter; aus einem wackeren Geschlecht, mit noch dem alten edlen, etwas abenteuerlichen vielleicht, aber treuen ehrlichen Blut in seinen Adern, wäre er vielleicht, hätt' ihn sein Schicksal in eine andere Bahn geworfen, ein wackerer Feldherr, ein unerschrockener Entdecker geworden; so, auf sich selber angewiesen, zu Hause in Wohlleben, ja Reichthum erzogen, mit allen Wünschen, kaum ausgesprochen schon erfüllt, lebte er ziemlich sorglos in den Tag hinein, besuchte die Universität und ritt und jagte, als er diese verlassen, reiste in Bädern umher, und suchte die Zeit nach besten Kräften eben durchzubringen. Aber seinem besseren Selbst genügte das zuletzt nicht mehr; an eine Heirath hatte er nicht gedacht, und sehnte sich zuletzt etwas Anderes zu sehn und zu erleben, als eben nur das monotone Einerlei der faden haute volée mit ihren, in ihrem Kreislauf immer wiederkehrenden sogenannten Vergnügungen, die er satt bekam. Er sah Italien und Griechenland, sah Spanien, Schweden und Norwegen, reiste in Frankreich und England, und wieder und wieder Schiffe treffend, deren geblähte Segel gen Westen zogen, und mit überdieß nicht vielmehr Neuem in Europa aufzusuchen, faßte er den Entschluß, wie er eben im letzten Jahr zum zweiten Mal Italien besucht, Amerika zu sehen, einmal etwas Anderes doch, als ihm die alte Welt mehr bieten konnte. Dort wirkten frische Kräfte auf einem Boden, den die Natur noch unentweiht gehalten, ein junges Volk wuchs und gedieh an jenem Strand, und Tausende und Tausende von Deutschen zogen dort hinüber, den Druck des alten Vaterlandes abzuschütteln und sich die neue Heimath, den neuen Heerd »über dem Wasser drüben« zu gründen — 's war immer der Mühe werth das einmal mit anzusehn.

Mit einem, für das Schöne empfänglichen Herzen, interessirte ihn zuerst an Bord das liebe, bildschöne, freundliche Antlitz der jungen Frau Henkel, während ihr heiteres offenes Wesen ihn, je länger er mit ihr zusammen war, desto mehr fesselte und anzog. Ein ganz neues Gefühl wurde in ihm wach — ein Gefühl des Wohlbehagens in ihrer Nähe und Gesellschaft, ohne daß er einer Ursache deshalb nachgedacht. Er hatte sich auch wieder von ihr, wie von den andern Reisegefährten, leicht getrennt, im sorgenfreien Herz nur eben eine liebe Erinnerung mehr mit weiter tragend. Erst als er Henkels Bubenstreich erfuhr, und Mitleid jetzt, zusammen mit dem Wunsch, das arme, so schändlich und bübisch verrathene Weib an jenem Elenden zu rächen, ihm wieder das alte Bild herauf beschwor — als ihm die Möglichkeit sich zeigte, das Wesen, das er bis jetzt nur im Besitz eines Anderen gekannt, frei von diesen Fesseln, mit jenen Schranken fortgethan zu sehn, da wurde er zu seinem eigenen Erstaunen selber erst gewahr, daß das, was er im Anfang nur für reines Rechtlichkeitsgefühl, für jenen Drang gehalten, der Schwachen, Unterdrückten beizustehn, nicht ganz so frei von Eigennutz mehr sei.

Noch kämpfte er freilich dawider an; das alte romantische Gefühl, gegen das er, mancher nicht eben angenehmer Erfahrung wegen, begann mistrauisch zu werden, konnte ihn hier wieder auf ein Feld verlocken, auf dem er keinen Boden für sich fand. Er malte sich vielleicht Manches jetzt im Dunkeln mit allem Fleiß und Eifer aus, das, wenn er es am hellen Tage besah, dem nachher lange nicht entsprach, was er erwartet. Er fing überhaupt an praktischer zu werden in Amerika; die Luft hatte Einfluß auf ihn — oder auch die Kost — jedenfalls behielt er kaltes Blut genug, sich selbst vor irgend einem unbedachten Streiche zu warnen — bis er den alten Herren Dollinger auf der Straße traf und von diesem erst erfuhr wie furchtbar, wie entsetzlich mit kaltem, überlegten Blut von jenem Buben das Glück des Kindes gemordet worden — bis er sie selber wiedersah — freilich nicht mehr das junge blühende lachende Weib mit den klaren, treuherzigen und doch so schelmisch blitzenden Augen. Großer Gott, welche Veränderung waren wenige Monate im Stande gewesen hier hervorzubringen, und doch wie engelschön, wie lieb und rein stand sie da wieder vor ihm. Da — in dem Augenblick war es ihm, als ob sein Schicksal für ewige Zeiten besiegelt worden, und bei der Thräne, die in der Armen Auge blitzte, und schwer und langsam über die bleiche Wange rollte, schwor er es sich, sie nicht allein zu rächen, sondern auch von den Banden, die sie an den Verbrecher noch ketteten, zu befreien — und mit dem Schwur war eine eigene, wunderbare Ruhe in sein Herz eingekehrt. Er hatte ein Ziel gefunden, dem er zustreben durfte — sein Leben lag nicht mehr wild und planlos vor ihm — er konnte noch glücklich werden — konnte vielleicht ein Wesen dem Leben wieder geben, das Gott ja selbst für dessen schönste Sonnenzeit bestimmt und mit seinen herrlichsten Gaben geschmückt und überdeckt hatte. Er war ein anderer Mensch geworden, besser nicht — doch fröhlicher, heiterer und fester wie bisher, und was an frischer Kraft in ihm geschlummert, und nur noch wild und regellos aufgewuchert war bis jetzt, das lenkte dieß Gefühl zu festem Plan, und Hopfgarten war, seit er New-Orleans zum zweiten Mal verlassen, nicht allein ein anderer Mensch — er war ein Mann geworden.

Nach Memphis in Tennessee zurück ging an demselben Abend noch ein anderes, von Fort Gibson niedergekommenes Boot, auf dem er denn auch, ohne weiteren Zeitverlust, Passage nahm, und den vierten Tag die am Mississippi auf hohem steilem Ufer liegende Hauptstadt des Staats erreichte.

Vergebens blieb aber hier seine Nachforschung nach einem Soldegg oder Henkel. Niemand kannte den Namen, hatte ihn je gehört, und der Staatsanwalt wieder, an den er sich auch hier wandte, meinte selber achselzuckend, es wäre mehr als wahrscheinlich, daß ein solcher Bursche in den verschiedenen Staaten auch verschiedene Namen hätte. Übrigens paßte seine Beschreibung ziemlich gut auf einen jungen Mann, der eine Zeitlang, allerdings verheirathet, in Memphis gelebt, fast anderthalb Jahr abwesend und vor wenigen Wochen, wie er ausgesagt, von einem Zug nach den Felsengebirgen im Interesse des Pelzhandels zurückgekehrt war. Dieser hieß Holwich, war freilich ein Amerikaner, sprach aber vollkommen gut deutsch und sollte sich jetzt, vor acht Tagen etwa, mit seiner Frau auf einem stromaufgehenden Dampfboot — wohin, wußte natürlich Niemand — eingeschifft haben.

Zu spät — Hopfgarten, der keinen Augenblick zweifelte, daß er auf der richtigen Spur sei, war außer sich, denn wohin um Gotteswillen, sollte er ihm jetzt in dem ungeheuern Lande folgen, wo er nicht einmal mehr den Namen hatte ihn zu leiten. Und doch war die Möglichkeit da, daß der Verbrecher, so lange er mit der Frau zusammenblieb, schon dieser gegenüber wenigstens den Namen, den sie jetzt führte, beibehalten mußte, aber damit konnte er freilich den Ohio nach Osten oder den Missouri nach Westen, oder den Mississippi nach Norden, wie in alle die kleinen unzähligen Nebenströme eingegangen sein, die in diese Hauptkanäle des mächtigen Reiches mündeten. Ein anderer als Hopfgarten hätte die Verfolgung auch wirklich in Verzweiflung aufgegeben, er aber verlor den Muth noch nicht. Der Zufall, der ihn schon einmal mit dem Verbrecher zusammengebracht, konnte ihm wieder günstig sein, und war nicht am Ende gerade Vincennes der rechte Platz, ihn wieder aufzufinden. Und doch auch nicht, denn dort, unter dem Namen Soldegg gekannt, durfte er sich nicht als Holwich niederlassen. Nach reiflichem Überlegen beschloß er endlich, vorher nach dem Osten zu gehn und New-York und Philadelphia zu besuchen, ob er dort keine Spur des Gesuchten fand, dann aber jenen Theil des westlichen Landes noch einmal zu durchstreifen und Lobensteins zugleich dabei aufzusuchen; wer wußte, ob diese ihm nicht Auskunft geben konnten. Er war einmal unterwegs — wohin, blieb sich ja doch am Ende gleich.

Capitel 6.

In Indiana.

Auf Lobensteins Farm herrschte ein reges, geschäftiges Leben und Treiben — das große Maisfeld war bestellt, und stand in voller Blüthe mit den hohen, fast tropisch aussehenden Stengeln und den wehenden Blättern, das Haus beendet, was wenigstens die äußeren Wände und Dielen und Fenster betraf, und eine Menge Hände waren jetzt noch beschäftigt es im Inneren so warm und wohnlich als möglich zu machen, dem nächsten Winter, der in den nördlichen Staaten oft ziemlich heftig auftritt, ruhig die Stirn bieten zu können. Eduard hatte es dabei übernommen, die schon getünchten Stuben auszumalen, und wurde hierin von einem anderen Herrn, einem früheren Reisegefährten, und zwar Niemand Anderem, als dem Dichter Theobald, freundlich unterstützt.

Theobald war nämlich viele Monate lang im Lande umhergezogen ein paar »sehr tüchtige Manuscripte« an den Mann zu bringen; obgleich er aber St. Louis und Cincinnati, Milwaukie, Buffalo und Pittsburg besucht, und dort überall deutsche Druckereien, deutsche Zeitungen, auch überall Leute gefunden hatte, die seine Manuscripte in ihren Journalen abdrucken wollten, wobei in Milwaukie nicht einmal das abolitionistische ausgenommen worden, was die übrigen sämmtlich zurückgewiesen, fiel es doch keinen der Herrn Redakteure ein Geld, baares Silber, für eine Sache auszugeben, die sie eigentlich noch bequemer schon in deutschen Blättern und Büchern fanden — Stoff nämlich ihre Zeitschriften zu erhalten, und ihrem Leserkreis »Futter« zu bieten.