»Guten Morgen Herr von Hopfgarten — ich hoffe, daß Ihnen hier Nichts passiren wird; wenn es aber der Fall sein sollte so — «
»Passiren? — was soll mir denn hier passiren?« frug Hopfgarten sich, schon in der Thüre, noch ganz erstaunt umsehend.
»Nun, ich meine, wenn Sie vielleicht krank werden sollten — das Klima ist sehr gesund, aber kleine Übel vernachlässigt — «
»Ah so? — ei ja wohl, Herr Doctor, versteht sich von selbst, daß ich dann Ihre Hülfe in Anspruch nähme,« lachte Hopfgarten. »Wahrhaftig, wenn es nicht eigentlich sündhaft wäre, könnte ich mir, nur um das Vergnügen zu haben von Ihnen behandelt zu werden, ordentlich so ein gutartiges Nervenfieber oder einen Choleraanfall an den Hals wünschen — guten Morgen Herr Doktor.«
»Guten Morgen Herr von Hopfgarten — beehren Sie mich bald wieder.«
»Holzkopf,« brummte Hopfgarten leise zwischen den Zähnen durch, als er langsam die Straße hinaufging, aufmerksam die Schilder über den Thüren betrachtete, und die Firmen las, den rothen Drachen herauszusuchen.
Mit Hülfe von ein paar Deutschen, denen er unterwegs begegnete, und die ihn bereitwillig bis zu der Thüre des Wirthshauses begleiteten, fand er diesen endlich und trat hinein. Der rothe Drachen unterschied sich im Äußeren übrigens durch Nichts, als sein Schild — einen furchtbaren rothen Drachen, der eben einen armen Handwerksburschen oder sonst ein unglückliches Menschenkind gefangen und schon halb verschluckt hatte — von den übrigen Gasthäusern dieser Art, »Deutsches Kosthaus zum rothen Drachen« stand auf einem weißen Schild mit großen rothen Buchstaben über der Thür und die kleine bar (der Schenkstand) unten im Haus, hatte eben das stereotype Äußere, wie alle diese ähnlichen zahllosen Einrichtungen durch die ganzen Vereinigten Staaten. Aber gleich nach seinem ersten Eintritt merkte Hopfgarten einen fühlbaren Unterschied zwischen dem rothen Drachen und anderen, mit ihm auf gleicher Stufe stehenden Gasthäusern, die er bis jetzt betreten, und die sehr zu Gunsten dieses Platzes ausfielen: seine große Reinlichkeit, die hier die sorgsame fleißige Hand einer tüchtigen Wirthin verrieth, und einen wohlthätigen Eindruck auf den Fremden machte. Nicht allein das saubere Tischtuch mit Servietten (eine seltene Bequemlichkeit in der Union) das den Tisch bedeckte, nicht allein die blitzenden Scheiben der Fenster und Glasthüren, nein, auch der sorgsam gescheuerte, und mit weißem frischem Sande bestreute Boden, die reinlichen Gardinen an den Fenstern, das blitzende Geschirr, das hie und da stand, gaben Zeugniß davon, und Hopfgarten, sehr zufrieden mit diesem ersten Eindruck, frug den Barkeeper, ob er ein kleines Zimmer für sich allein bekommen könne — vielleicht nur auf kurze Zeit, vielleicht auf länger.
Das hatte einige Schwierigkeit; Amerikanische Gasthäuser, in deren Stuben gewöhnlich immer drei und vier Doppelbetten stehn, sind nicht oft auf derlei Bequemlichkeiten eingerichtet, und der Wirth mußte deshalb gerufen werden, das selber zu entscheiden.
Thuegut Lobsich hatte sich in der Zeit, in der wir ihn nicht gesehn haben, doch bedeutend verändert; er war schwammiger, sein Gesicht röther geworden, aber dasselbe gutmüthige Lächeln lag ihm noch in den breiten Zügen, deren sämmtliche Färbung sich in der Mitte seines Gesichts (auf der Nase) zu »concentriren« schien. Thuegut Lobsich wußte aber auch genau, weshalb das geschah, denn wo er in Deutschland Bier getrunken hatte, in dem vergeblichen Versuch seinen Durst zu löschen, trank er hier schwere Weine, Sherry und Madeira und Cognac und Brandy dazu, dem fehlenden Appetit unter die Arme zu greifen, oder, wie er selber sagte, »seinen Gästen mit einem guten Beispiel voranzugehn.«
»Der Mann da will gern ein Zimmer für sich allein haben,« sagte der Barkeeper — ein ziemlich ungeschlacht aussehender halb Amerikanisirter Deutscher, mit aufgestreiften Hemdsärmeln, ein gelb und rothseidenes Taschentuch über die rechte Schulter und unter dem linken Arm durchgebunden, indem er Herrn von Hopfgarten seinem Principale vorstellte, »kann er eins kriegen?«