»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich will oder nicht — ich muß!«

»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.

»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich aus sicherer Quelle weiß, ein kleines improvement für fünfzig Dollar, und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«

»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn ernst, »kennen Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen, seinen Beschwerden, seinem Klima?«

»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.

»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte — ich würde im Leben nicht wieder froh werden.«

»Aber was soll ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.«

»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen und müssen zu Ihrem Aufenthalt — dann nehmen Sie mich mit und — seien Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr — seien Sie mir Vater — Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann, als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen — ich darf das nicht länger mehr — geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie mich den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir so vertraut zu haben.«

»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal an das einer Familie ketten, die sich — die sich eben nicht im Glück befindet — und weiß Marie —«

»Noch keine Sylbe — noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich hoffen.«