»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie sehen, genau nach Allem erkundigt.«

»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend, »wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.«

Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine, vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor, sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar nicht ertrunken, sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz hartnäckigem Suchen, nicht gefunden worden, aber das Spielen vorher, und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung nachher, schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. Dr. Hayde besonders hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner Ausnahme-Fällen, ein durchaus bürgerliches Laster sei, (und später dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche Weise zu entziehn.

Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser, seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend, gab ihm gern Bescheid.

Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem, von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument, gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder, trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie auf die Spur des Diebes bringen können.

Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit ganz andern Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen, in der Stadt herum Arbeit zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger Anstrengung gelang ihm das auch — er wurde zuerst auf einem Flatboot zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war wenigstens gesichert.

Aber er brauchte mehr als das — er mußte Geld verdienen, wieder eine Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne, und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten, während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum Waschen und Plätten zu bekommen.

»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,« erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst, die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet, ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, mehr verdiente, wie es mir möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß, Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte, anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen; aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können, im Kopf herum — trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.

»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte, zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht. Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich — sie wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und — veranstaltete heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer rollen — ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz. Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.«

Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.