»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal; »sie muß gleich wieder zurückkommen.«
Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie nun nicht an's Werk gingen, wolle er mit der Sache nichts weiter zu thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen Stufen noch hinauf.
Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel, den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin, wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich gebe.
Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah. Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff, führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos zu Boden streckte.
Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern, die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen Leinwandsack.
Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei, wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an der Vorsaalthür ertönte.
Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder — die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in seinem Griff an Hedwig — nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm, dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden Hülferuf aus.
»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu decken.
»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem Augenblick die dünne Thür zusammen.
»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen fest. —