»Ich habe in ähnlicher Weise schon drei Jahre in Dienst gestanden« sagte sie leise.
»Drei Jahre? und wie alt sind Sie jetzt?«
»Ich werde im nächsten Monat sechzehn Jahr.«
Hamann schüttelte mit dem Kopf und setzte, die Fremde dabei dann und wann von der Seite ansehend, seine Wanderung im Zimmer wieder fort, während Hedwig indessen still und regungslos stehen blieb, eine entscheidende Antwort des Mannes zu erwarten.
Die letzten Wochen hatten eine große Veränderung in Hedwigs ganzem Äußeren hervorgerufen, und das ängstlich schüchterne, fast kindliche Mädchen, das sie noch an Bord gewesen, war zur ernsten, selbstständigen, selbsthandelnden Jungfrau herangereift, in der kurzen Zeit. Schwere Stunden waren es aber gewesen, die das bewirkt, schwere, herbe Stunden, in denen die selber so unglückliche Clara ihr Alles vertraut, was das eigene Herz bedrückte, von dem ersten Verdacht des Diebstahls an, bis zu dem Augenblick wo sie die Gewißheit in Mark und Seele traf, daß der eigene Gatte der Verbrecher sei, und weit schlimmer und entsetzlicher als ein bloßer feiger Dieb, nicht allein den treuen schuldlosen Diener ihres Vaters, nein auch ihr eignes Glück und Leben kalt und meuchlerisch gemordet habe.
Der Schmerz um den Bruder war damit, wenn nicht aus ihrer Brust gewichen, doch von anderen, mächtigeren Gefühlen die sie früher nie gekannt, abgestumpft, ja fast verdrängt — von einem Gefühle der Bitterkeit gegen die Menschen, die einen armen Unglücklichen kalt und theilnahmlos verderben ließen, ohne sich viel um seine Schuld oder Unschuld zu kümmern, und dem Gemordeten kaum ein einsam verachtetes Plätzchen an der Kirchhofsmauer gönnten; von einem Gefühle des Hasses gegen den Mörder selbst, der frei und ledig, in Glück und Reichthum — der Beute seines Verbrechens — unter Gottes Sonne wandelte. Nur an Clara hing sie mit aller Liebe und Aufopferung, deren ihr warmes, weiches Herz fähig war, nur in Clara sah sie die Leidensschwester — nicht mehr die Gebieterin — die mit ihr, noch stärker fast getroffen und geschlagen worden, und einem Schatten gleich, lag eine dunkle Ahnung, der sie nicht Ausdruck, Form zu geben wußte, auf ihrer Seele, daß der Verstorbene in größerem Schmerz und Weh dahin geschieden, auch von ihr verkannt zu sein.
»Und Sie glauben daß Sie der Sache vorstehen könnten?« — sagte Hamann endlich, wieder vor ihr stehen bleibend und ihr scharf und forschend in's Auge schauend. —
»Ich glaube es« sagte Hedwig, dem Blick fest begegnend.
»Haben Sie Zeugnisse?«
»Ja — hier.«