»Herr Doctor Wahlert!« rief von Gaulitz, seinen aufsteigenden Zorn kaum unterdrückend.
»Hierdurch aufmerksam gemacht,« fuhr aber Wahlert, den aufwallenden Grimm des Mannes gar nicht beachtend, fort, »und den Interessen des Volkes meine Zeit widmend, nahm ich mir die Mühe, mich näher nach Ihnen zu erkundigen – meine Menschenkenntniß wollte ich mit dem Resultat bereichern, ob ein Mann von Ihrer Bildung, in Ihrer Stellung und von – Ihren Zügen – denn ich gebe etwas auf Physiognomie – wirklich so fromm und gottesfürchtig sein, und doch stets mit leeren Bibelsprüchen um sich her werfen, und seine Briefe und Gespräche damit würzen könnte. Ich fand daß ich mich nicht geirrt.«
»Diese Unverschämtheit ist so originell,« sagte endlich der Oberpostdirector mit einem erzwungenen Lachen »daß sie wirklich interessant wird – fahren Sie fort,« und er biß seine Lippen fest zusammen, verschränkte die Arme, und stand, die Augen mit einem recht boshaft tückischen Ausdruck auf das offene Angesicht des ihm gegenüber Stehenden geheftet, still und schweigend dem weiteren Verlauf der Rede lauschend, da.
»Das ist meine eigene individuelle Meinung,« fuhr Wahlert fort, »und die braucht Sie wenig zu kümmern; andere Thaten aber ruhen im Mund Ihrer Untergebenen, und nur an einem unerschrockenen Auftreten hat es bis jetzt gefehlt, ihnen Worte zu geben. – Die Sünde, die Sie an Marien begangen, brauche ich Ihnen nicht zu wiederholen – sie allein wäre hinreichend, tausendfältigen Fluch auf ihr schuldbeladenes Haupt herab zu rufen – andere Verbrechen sind es aber noch, deren Sie bezüchtigt werden, und soll mir Gott in meiner letzten Stunde beistehen, wie ich auftreten will gegen Sie, fügen Sie sich nicht dem, was ich jetzt von Ihnen fordere.«
»Was wissen Sie von mir, Herr?«
»Gut denn, wenn Sie es nicht anders wollen,« sagte Wahlert, mit düsterer Entschlossenheit im Blick, »so hören Sie, und urtheilen Sie dann selber, ob ich im Stande wäre, Ihnen gefährlich zu werden. – Auf dem Verbrechen, das Sie an Marien begangen, steht Eisenstrafe, daß Sie Ihnen freundlich gesinnte Dirnen an Ihre Untergebenen verheirathet, und diese dann ungerechter Weise bevorzugend, in höhere Stellen einrücken ließen, wie vor gar nicht langer Zeit auf solche Art einen Postillon, der schurkisch genug war, sich Ihrem Willen zu fügen, in eine Secretariatsstelle, glaub' ich – das sind Nebensachen. Das vornehme ›Gesindel‹ in den Städten liebt dergleichen Unterhaltungen, und lohnt stets auf anderer Leute Kosten; aber ich weiß auch, daß Sie des Ehebruchs, selbst in neuster Zeit überführt sind, und kann Ihnen die – falschen Zeugen vor Gericht bringen, die Sie gegen Ihr armes Weib gedungen. Jetzt also, Herr Oberpostdirector, frage ich Sie zum letzten Mal, wollen Sie es, mir gegenüber, zum Aeußersten kommen lassen; wollen Sie Alles leugnen, und dann versuchen, wie weit ich die Sache treibe?«
Der Oberpostdirector schwieg, und schaute, an den Nägeln der linken Hand kauend, stier vor sich nieder.
»Gut – es steht in Ihrer Gewalt!« sagte Wahlert plötzlich nach einer langen Pause, in der er auf eine Antwort gewartet zu haben schien – »thun Sie, was Sie für sich selber als das Beste halten – aber bedenken Sie auch, daß wir nicht mehr das alte System haben, unter dem die ›Großen des Reichs‹ wie fast unverletzliche Personen standen, und Einer durch den Anderen beschützt wurden – Gerechtigkeit herrscht jetzt im Lande, Herr Oberpostdirector, und denken Sie sich Ihr fürchterliches Loos, wenn Ihnen Gerechtigkeit würde.«
»Sie häufen Beleidigungen auf Beleidigungen,« sagte Herr von Gaulitz mit leiser, heiserer Stimme, verließ seinen Platz am Tisch, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab –
»Und Ihre Antwort?« frug Wahlert ernst.