»Du Lügenhund verdammter! hab' ich Dich schon gefragt?« schnauzte der Gensdarme den Alten an – »wer bist Du überhaupt, und wo kommst Du her? wo ist Dein Paß?«

»Hm« brummte der Musikant und fuhr sich langsam mit der rechten Hand in die Brusttasche, »Lügenhund werd' ich eigentlich gewöhnlich nicht gerufen – aber was thuts – hier Herr Lieutenant – bitt' um Verzeihung, wenn die Anrede nicht klappt – am Verdienst wird's nicht fehlen – hier ist der Paß – wird wohl Alles in Richtigkeit sein.«

Der Gensdarme riß das zerknitterte, beschmutzte und vielmal zusammengefaltete Papier, das ihm der Alte reichte, an sich, öffnete und durchflog es mürrisch, denn nicht freundlicher schien ihm das gerade zu stimmen, daß er keinen Halt an dem Musikanten fand, um seinem Zorne Luft zu machen.

»Jacob Meier,« las er halb laut, und verglich dabei mit rasch und mißtrauisch hinüberschweifenden Blicken die Figur mit dem in dem Paß befindlichen Signalement – »Alter 53 Jahr – Haare grau gesprenkelt – Nase kurz – Backenknochen vorstehend – Pockennarben – mit Tochter – Marie Meier – Haare schwarz – Augen dunkel – Zähne vollständig – Gesichtsfarbe gesund – nun, das ist die doch nicht?« und er deutete dabei auf das Mädchen, in deren Wangen bei den rohen Worten ein leichter Hauch stieg und auf wenige Secunden zwei rothe eckige Flecken zurückließ, dann aber eben so rasch wieder verschwand, wie er gekommen.

»Das Kind sieht jetzt krank und angegriffen aus,« sagte hier der Schulmeister, dem es doch weh that, daß die armen und überdies schon so unglücklichen Leute so barsch und rauh angefahren wurden – »es wird ihr nicht wohl sein.«

»Wer ist Er, und was hat er hier d'rein zu reden?« fuhr der gewaltige Mann des Gesetzes grob genug den erschreckt Zusammenfahrenden an.

»Ich bin der Schulmeister aus Horneck,« sagte dieser fast unwillkürlich, aber selbst der schüchterne Greis fühlte sich entrüstet über das Entehrende solcher Behandlung, und mit etwas schärferer Betonung setzte er gleich darauf hinzu: »auch steh' ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden und habe keinen Menschen beleidigt, daß ich verdiente, so angefahren zu werden.«

»Dann kümmern Sie sich auch um ihre Schule und stecken Sie die Nase lieber in ihre Bücher und nicht in anderer Leute Geschäfte,« entgegnete ihm, wohl nicht mehr so herrisch, aber doch noch immer ärgerlich und trotzig genug der Gensdarme, und wandte sich wieder von ihm ab. Den Paß dann dem alten Musikanten vor die Füße werfend, und, die Dreie weiter keines Blickes oder Wortes würdigend, sprengte er rasch seitwärts den Hügel hinab und der Stelle zu, wo jetzt seine den Berg heraufklimmenden und nicht berittenen Begleiter sichtbar wurden.

»Ist das ein rauher grober Mensch,« sagte Kleinholz und sah kopfschüttelnd dem Davongallopirenden nach, »und doch eigentlich weiter Nichts als ein berittener Polizeidiener, und das muß man sich gefallen lassen.«

»Wird schon zahm werden, Alterchen,« lachte der Musikant, »wird schon zahm werden, und lange kann's nicht mehr dauern; in Wien und Berlin sind sie mit Kolben gelaufen, und wenn wir hier ihnen noch nicht den Daumen auf's Auge gesetzt, so – aber komm Marie, 'swird spät und ich muß noch gehörig herumlaufen, daß ich auch morgen die Erlaubniß auftreibe – guten Tag Schulmeister, guten Tag, schönen Dank für den Imbiß und bessere Zeiten für den Morgen – Morgen? 'sist ein komischer Trost;