»Er soll hereinkommen – schnell!«
Wenige Secunden später stand Fritz auf der Schwelle und sein monotones
»Zu Befehl Ew. Gnaden« – machte den jetzt wieder hastig im Zimmer auf- und abgehenden erst auf den Gerufenen aufmerksam. Er wandte sich nach ihm um und frug:
»Wie steht's draußen, Fritz? – Was sind das für Schaaren, die da lärmend und schreiend auf mein Gut ziehen – was wollen sie?«
»Sie scheinen's selber nicht so recht zu wissen,« lachte der junge Jäger – »der Doctor führt sie an und eigentlich wollen sie, glaube ich, den Gefangenen befreien, die wirklichen Bauern aus dem Dorfe sind's aber nicht – eine Parthie junge Bursche meistens und Neugierige, sie wählen unten gerade eine Deputation, um sie herauf zu schicken.«
»Ah gut – laß sie kommen,« sagte der Herr von Gaulitz rasch – »geh' hinunter Fritz, und führe sie herauf zu mir – Du bist doch wenigstens noch vernünftig, und weißt was Du sprichst, das Volk hier scheint aber das Bißchen Verstand vollendes verloren zu haben – hinaus mit Euch – halt da, Du, Karl – Du wartest draußen, ich habe noch einen Auftrag für Dich.«
Die beiden Poller glitten, zwischen Furcht vor ihrem Herrn und den aufgebrachten Volkshaufen draußen schwankend (denn die Bewohner von Horneck haßten sie, wie sie recht gut wußten, gründlich) aus dem Zimmer. Fritz aber führte gleich darauf den Doctor Levi mit zwei anderen »Vertrauensmännern«, dem Schneider aus dem Dorfe und dem Böttcher, in's Zimmer, und Levi hielt denn auch, mit seiner ganzen liebenswürdigen Bescheidenheit und ohne weitere Vorrede eine Ansprache an den Rittergutsbesitzer, in der er diesen darauf aufmerksam machte, wie die Tyrannei gestürzt und ihre Helfershelfer der Spreu gleich in alle Winde »zerstiebt« wären, wie das souveraine Volk jetzt eine Weile selber regieren wolle und ihn, den Reactionair auffordere, den Vorkämpfer der Freiheit, den schändlich und heimtückisch gefangenen Wahlert, augenblicklich wieder in Freiheit zu setzen. Sie – die Deputation – wären einstimmig vom Volke erwählt, das unten auf Antwort harre, und den »Bayonetten« zum Trotz seine Foderung mit seinem Heldenblute unterstützen wolle – er rechne auf unbedingte Unterwerfung.
Der Pastor stand in der einen Fenstervertiefung und rieb sich schmunzelnd die Hände – der Sohn des General-Superintendenten wurde frei und er selber damit jeder Verantwortlichkeit enthoben.
Doctor Levi aber, wie Pastor Scheidler, schienen sich Beide in ihren Berechnungen sowohl, wie in der Person des Gutsherrn etwas getäuscht zu haben – so rasch war dieser nicht eingeschüchtert und auch Menschenkenner genug, um an den noch scheu und unschlüssig dastehenden Gestalten der übrigen Deputationsmitglieder zu erkennen, wie der Geist des Aufruhrs sich nur für den Augenblick kaum weiter erstrecke als auf die Unverschämtheit des Doctor Levi, der, wie er früher ganz uneigennützig die »Emancipation« der Juden gepredigt, jetzt plötzlich ein weiteres Feld für seine Rednergabe fand und der gewöhnlichen Redeweise nach, »in deutscher Politik machte«. Diesen daher keines Blickes oder Wortes würdigend, schritt der Oberpostdirector auf den Schneider und Böttcher zu und sagte, sie bei ihren Namen anredend:
»Schickt Euch das ganze Dorf, Merzbach und Hantlich, oder seid Ihr nur auf eigene Veranlassung oder Aufreizung dieses – Menschen zu mir gekommen?«