Er versicherte ihnen, daß der Gefangene nicht auf Befehl der Minister, sondern dem Gesetze nach verhaftet, und vorher auch durch das Gesetz steckbrieflich verfolgt wäre – daß ferner das Gesetz doch fortbestehen müsse, ob sie nun dies oder ein anderes Ministerium hätten – versprach ihnen aber auch, noch in dieser Nacht einen Boten nach der Residenz zu schicken und dort anfragen zu lassen, was der Eingebrachte verbrochen habe – sei dies dann nur politischer Natur, so gebe er ihnen die heiligste Versicherung, daß er augenblicklich in Freiheit gesetzt, und jedem beliebigen Verlangen, daß sie also an ihn stellen könnten, dadurch auch genügt werden würde. Uebrigens sei die Nachricht von der Abdankung des Ministeriums keineswegs gegründet, und sie könnten die Folgen leicht selber ermessen, die, im anderen Falle, aus einem gesetzlosen Auftreten von ihrer Seite entstehen möchten.
Die beiden Männer fanden das ganz vernünftig – sie hätten eben so gesprochen, wenn sie Herr von Gaulitz gewesen wären – der Doctor war überhaupt ein Krakehler, der ihnen nur vorgelogen hatte, was dem armen Gefangenen Alles geschehen solle – der Herr von Gaulitz möchte es nicht »vor übel nehmen«, daß sie so frei gewesen wären, bei ihm anzufragen – sie wollten's den Leuten unten schon sagen, wer recht hätte und wie die Sache eigentlich stände.
Und damit gedachten sie sich höflich grüßend zurückzuziehen – von Gaulitz war aber nicht der Mann, einen einmal gewonnenen Vortheil unverfolgt aufzugeben – eine Flasche mit Wein und Gläser standen auf dem Ecktische – ein paar freundliche Worte von ihm nöthigten die Beiden, nur noch einen Augenblick zu warten – rasch war eingeschenkt und fünf Minuten später verließen der Schneider und Böttcher das Zimmer und waren entzückt über ihren Gutsherrn.
»Nein, was das für ein Mann ist«, flüsterte der Schneider, als sie, von dem Bedienten geleitet, die breite Treppe hinabstiegen – »ich soll morgen mit meinem Maas hinaufkommen.«
»Und wegen der Brauereiarbeit hat er schon mit dem Brauer das Nöthige besprochen«, versicherte schmunzelnd der Böttcher – »die Kröte von einem Doctor fängt doch überall Krawall an.«
Draußen vor der Thüre erwartete sie übrigens noch ein ziemlich stürmischer Auftritt – der Doctor hatte die unten Versammelten durch die Erzählung dessen, was ihm geschehen sei, in nicht geringe Aufregung versetzt, und einen wirklichen Sturm auf das Haus konnte nur die Erscheinung der beiden anderen Deputirten verhindern. Mit dieser änderte sich aber auch freilich der Stand der Dinge um ein Bedeutendes – die beiden Männer berichteten, wie sie empfangen seien und welche Versicherungen man ihnen gewährt hätte – klagten über den Doctor, der gegen den Gutsherrn aufgetreten wäre, als ob er einen Holzhacker vor sich habe, setzten hinzu, der Herr Oberpostdirector wisse es auch ganz bestimmt, daß die Nachricht mit dem Ministerium gar nicht wahr wäre, und nur, wenn der Gefangene gestohlen oder sonst ein fürchterliches Verbrechen begangen hätte, dann sollte er in die Stadt geliefert, sonst aber augenblicklich wieder auf freien Fuß gesetzt werden.
Ein donnerndes Hurrah, das man dem Gutsherrn brachte, war die Antwort; die rasenden Demonstrationen des auf's Aeußerste empörten Doctors wurden nicht weiter beachtet, ja dieser sogar, als er später eben in der Schenke seine Absicht mit Gewalt durchsetzen wollte und durch Schimpfwörter die Bauerburschen reizte, von diesen gefaßt, geprügelt und hinausgeworfen.
Zweites Kapitel.
Plan und Gegenplan.
Die Nacht war ruhig vorüber gegangen und Horneck lag so friedlich in dem Purpurglanz der heiter und rein aufsteigenden Sonne, als ob keine Leidenschaften in ihm getobt hätten, kein lodernder Funke in seine gemüthliche Stille geschleudert wäre der nun heimlich und versteckt fortglimmen mußte, bis ihn die Zeit – und wie bald vielleicht zu prasselnder Flamme emporfachen sollte.
Auf dem Gute herrschte übrigens keineswegs solche Ruhe, sondern eher belebte eine eigenthümliche, ganz ungewöhnliche Regsamkeit die Herrenwohnung und die daran stoßenden Bedientenstuben. Der Oberpostdirector selbst hatte den ganzen Morgen geschrieben und gesiegelt und der junge Poller war noch in der Nacht wieder in die Stadt geschickt, von wo her er mit Tagesanbruch auf weißschäumendem Roß zurückkehrte, und zugleich mit einer Depesche der Regierung die Nachricht brachte, es sei das beabsichtigte Militair wirklich nach Sockwitz gelegt und der Nachbarstaat auch für den schlimmsten Fall um weitere Hülfe angesprochen worden.