»Ach was – das Bitten und Weinen hilft mir Nichts! Wie hast Du Dich gestern Abend wieder betragen, es war ja doch ein Schimpf und eine Schande, und ich habe mich selbst vor dem Pastor bis in meine innerste Seele hinein geschämt.«
»Aber was hab' ich denn in aller Welt gethan?« bat zitternd und hocherröthend die Frau.
»Was Du gethan hast?« wiederholte der Zürnende, der sich jetzt einmal in das rechte Gleis hineingearbeitet hatte, »gar Nichts hast Du gethan, und das ist es gerade was mich so ärgert – wie ein Stock hast Du da gesessen und kein Wort gesprochen, und nur manchmal laut aufgelacht, wenn der – Strohwisch seine faden unanständigen Reime vorlas; wenn Du Dich in gebildeten Kreisen bewegen willst, so mußt Du Dir auch Mühe geben zu lernen, wie man sich in solchen bewegt. Hier auf dem Lande möcht' es noch gehen, denn gewöhnlich wird hier nicht jeder Schritt und Tritt so beobachtet, wie in der Residenz, aber gerade gestern war es mir um so fataler, da diese alten Schachteln, diese Geheimenraths-Fräuleins Seiffenberger Deine Beschreibung haarklein in ihre wässrigen Theegesellschaften hineinbringen – ich sah recht gut, wie sie Dich immer von der Seite betrachteten, dann zusammen flüsterten und mit einander lachten.«
»Lieber Gaulitz,« bat die Frau.
»Sei ruhig und ärgere mich nicht jetzt auch noch mit Deinem Wimmern und Winseln!« rief ihr Gatte, »daß mich doch der« – – Er brach plötzlich ab – riß die Thür auf, verließ das Zimmer und warf sie hinter sich mit wilder Gewalt in's Schloß zurück.
Seine Frau schlich auf's Sopha, sank in die eine Ecke desselben, und barg ihr Gesicht schluchzend in den Händen.
Marie verließ langsam und sinnend den Hof. Die wenigen Worte, die sie von des Gutsherrn Lippen gehört, gingen ihr im Kopfe herum, und es war kaum möglich, daß sie noch eine andere Bedeutung haben konnten, als die eine – »die Kutsche muß bis heute Abend neun Uhr fertig sein und angespannt im Hofe stehen – ich will den Burschen noch in dieser Nacht aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmen sie am Ende das Nest, und stecken es mir über dem Kopfe an!«
Wie mit feurigen Buchstaben waren ihr die Sätze in das Hirn eingebrannt. Wahlert gefangen – noch in dieser Nacht den Gerichten überliefert. – Was, um Gott, konnte der Unglückselige nur so Entsetzliches verbrochen haben? – Aber das durfte nicht geschehen – nimmer, so lange sie noch Kraft zum Denken – Kraft zum Handeln behielt.
Langsam war sie den Weg hinangeschritten, der zur Pfarrerwohnung führte, – dabei mußte sie an des Stellmachers Werkstätte vorüber, und dort – ein eigenes wunderliches Gefühl von Schreck und Freude durchzuckte ihren Körper – dort stand die Kutsche, und der Meister war mit Gesellen und Lehrburschen emsig beschäftigt, neue Speichen in eins der arg mitgenommenen Hinterräder zu setzen, und die sonst schadhaften Stellen wieder auszubessern. – Also hatte sie recht gehört, – in diesem Fuhrwerk sollte der Gefangene seinen Henkern ausgeliefert werden, und doch – doch war es den Männern von Horneck gestern versprochen worden, den Eingebrachten, wenn er nicht ein schweres und bösartiges Verbrechen begangen hätte – ohne Weiteres in Freiheit zu setzen.