Fritz war aber nicht der Mann, der sich von so lächerlicher Drohung hätte zurückhalten lassen.
»Haha,« rief er – »hast wohl zwei Patronen eingeladen und erst eine ausgeschossen – na drück ab, aber dann her mit der Flinte« und ohne weiter einen Augenblick zu zögern sprang er gegen den entdeckten Wilddieb an. – Dieser, der wohl einsah, daß er dem Jäger nicht mehr mit der Schußwaffe drohen könne, faßte seine Muskete rasch am Lauf und hob den Kolben, den Angreifer damit zu Boden zu schlagen, dieser aber, gewandter als er selber, unterlief ihn, ehe er den Streich führen konnte, ließ dicht vor ihm sein eigenes Gewehr in das Gras niederfallen und traf den Müller zu gleicher Zeit mit der festgeballten Faust so kräftig in den Magen, daß der große starke Mann zusammenbrach als ob ihn ein Blitzstrahl getroffen hätte und die Muskete machtlos seiner Hand entsank.
Dieser Sieg hätte aber für den Jäger beinah von sehr bedenklichen Folgen sein können, denn die beiden Bauerburschen stoben keineswegs, wie der alte Holke vermuthete, rechts und links in das Feld hinaus, sobald sie fanden, daß sie entdeckt wären, sondern Krautsch besonders rannte in wilder Wuth dorthin, wo er seinen Kameraden zurückgelassen, und mit diesem jetzt den ihm verhaßten Jägerburschen anscheinend ringen sah. So dicht kam er dabei heran, daß er in demselben Augenblick den Kampfplatz erreichte, wo Fritz sein geladenes Doppelrohr hingeworfen hatte und sprang nun mit wildem Jubelruf, während der Jäger seinen Genossen zu Boden schlug, darauf zu.
Fritz wandte rasch den Kopf und sah kaum die eigene Waffe schon fast in des Gegners Gewalt, als er auch, jetzt wohl wissend, daß es das Aeußerste gelte, die Muskete aufgriff, vorsprang und mit dem schweren Kolben den schützend vorgestreckten Arm des Wilddiebes so kräftig traf, daß er gelähmt an seine Seite sank. Nichts destoweniger wäre der Sieg dennoch zweifelhaft gewesen, denn der dritte, sonst keineswegs feige Bauerbursche flog in diesem Augenblick heran – noch im Zuspringen hörte er aber einen Anruf an seiner Seite, wandte den Kopf und sah hier plötzlich zu seinem Entsetzen auch noch den alten Jäger mit auf ihn selber gerichteter Flinte dastehn.
Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke an den Flüchtling auf den derselbe Jäger ja erst vor wenigen Tagen ebenfalls geschossen, und ehe er noch wirklich im Stande war einen eigenen Entschluß zu fassen, trieb ihn das Gefühl der Selbsterhaltung zauberhaft rasch aus dem Bereich der dunkeldrohenden Rohre. Wie er in die Schlucht kam, wußte er eigentlich selbst nicht, nur dessen erinnerte er sich später, daß er fortwährend durch die dicksten Büsche gesetzt und sporenstreichs und athemlos, ohne auch nur ein einziges Mal umzuschauen, ob die Verfolger wirklich hinter ihm wären, zu Hause gerannt sei.
Mit dem jetzt allein stehenden Krautsch, dem noch dazu, für den Augenblick wenigstens, der rechte Arm vollkommen gelähmt war, wurde Fritz indessen bald und noch ehe sein Vater ihm weiter zu Hülfe kam, fertig. Er hatte seine Flinte wiedergewonnen, und stand jetzt dem mit fest zusammengebissenen Zähnen wüthend zu ihm aufblickenden Bauer, wie dem sich gerade von dem gewaltigen Faustschlag erhebenden Müllerburschen fest und trotzig entgegen.
»So, Ihr Lumpenpack« fuhr die Beiden aber jetzt der alte Förster an, der nun auch herbei kam, dem noch immer ruhig aportirenden Hektor den Hasen abnahm und diesen neben die alte Muskete in's Gras warf – »so – also Ihr seid's, die Ihr hier draußen auf fremden Revieren und nicht einmal auf Euren eigenen Feldern, herumknallt und Gottes Creaturen, die jetzt hochtragend gehn und nicht einmal genießbar sind, die Glieder verschießt. Nicht arme Tagelöhner seid Ihr, die es vielleicht aus Armuth und Hunger thun könnten, sondern reiches Lumpenpack, das zu faul zur Arbeit ist, und am lieben Wochentage stiehlt und raubt. – Pfui über solche Bande – ich wollte mich doch in Euere Seele hinein schämen.«
»Wartet iär grienreckigen Holzlaifer iär!« knirschte aber der seiner Wuth kaum mächtige Bauer durch die fest zusammengebissenen Zähne sie an – »wartet nuar – eire Zeit kummt ooch noch, un dann soll mer der Deibel das Licht halten, wenn ich nich meine Rechnung so gut im Kopp behalte, wie der Wirth in der Schenke dringe – gebt dem Müller sain Gewähr widder ruas.«
»Hier liegt der Hase, den er geschossen und das Gewehr ist mein,« sagte der alte Holke ruhig, ohne sich um des Burschen ohnmächtigen Zorn weiter zu kümmern. »Ihr aber könnt Euch drauf gefaßt machen, daß die Sache damit noch nicht abgethan ist; heutigen Tages noch werdet Ihr angezeigt und daß der Herr von Gaulitz kein Federlesens mit Euch machen wird, darauf dürft Ihr Euch verlassen. Hier Hektor – was hat der Hund?«
»Er steht« – sagte Fritz und ging mit gehobener Flinte der Stelle zu.