»Nun, den Ruf hat sie wenigstens,« fügte, wenn das irgend noch nöthig gewesen wäre, Fräulein Schütte als Bestätigung hinzu – »wissen Sie, meine Gnädige, – ach, die Frau Oberpostdirector war ja nie in Dresden – wissen Sie, Fräulein Seiffenberger, wie der Hauptmann damals das Duell mit dem alten Bergcommissar hatte – ich war gerade in der Zeit auf ein paar Tage zu Besuch oben, da kam eine gute Freundin von der Frau Hauptmann manchmal zu uns, und die hat uns entsetzliche Geschichten von ihr erzählt –«
»Und kleiden thut sich die Frau,« setzte Fräulein Josephine hinzu – »das ist fabelhaft, man kann ihr doch recht gut nachrechnen, was ihr Mann eigentlich zu verzehren hat, denn das Gerücht mit dem amerikanischen Onkel war doch ein Bißchen gar zu plump, und sollte wahrscheinlich die Gläubiger etwas geduldiger machen, – und trotzdem giebt sie allein mehr für seidene Kleider und Hüte aus, wie – das weiß ich aus ganz sicherer Quelle – ihr monatliches Wirthschaftsgeld beträgt.«
»Wissen Sie denn, wer jetzt – erst etwa vor zwei Stunden, in Horneck eingetroffen ist?« frug Fräulein Schütte plötzlich, aber mit leiser Stimme, als ob sie irgend ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen habe. Die Frage verfehlte ihre Wirkung denn auch keineswegs, die Damen fuhren blitzesschnell mit den Köpfen zusammen, und ein erstauntes »wer denn?« lief durch die Reihe.
»Die Frau Ministerin von Herchenthal mit Mutter und Tochter?« rief triumphirend Anna und ein erstauntes »ist es denn möglich?« war ihr Lohn.
»Was muß aber da nur vorgegangen sein?« frug Fräulein Melinde rasch.
»Vorgegangen?« sagte Sophie Scheidler – »weshalb soll da gerade etwas vorgegangen sein; die Frau Ministerin – ist seit drei Jahren jeden Sommer herausgekommen.«
– »Aber nicht mit der Mutter, mein Herz,« fiel ihr Anna Schütte rasch in's Wort – »nicht mit der Mutter und einem Reisewagen voll Koffer, als ob sie ihre Winterquartiere beziehen wollten; und nicht Anfang April, sondern Ende Mai, wenn die Tage ganz warm und schön waren. Nein, richtig ist die Sache nicht, darauf wollte ich mein Leben einsetzen.«
»Das geschieht ihr aber ganz recht« versicherte in's Blaue hinein und ungewiß, auf was sich das »nicht richtig« eigentlich bezöge, Fräulein Josephine und hielt der Wirthschaftsmamsell zum fünften Mal ihre Tasse hin – »einen solchen Hochmuth wie die Leute gehabt haben – nein das ist ganz unglaublich; ich wünsche keinem Menschen etwas Böses, aber das gesteh ich, das könnte mir ordentlich einen frohen Tag bereiten, wenn ich erführe, daß es denen einmal nach Verdienst gegangen wäre.«
»Was will denn die aber auf dem Lande?« frug Melinde – »von der Wirthschaft versteht sie denn doch nicht so viel. Kaskelts, die dicht neben an gewohnt haben, und ihnen gerade in den Hof sehn konnten, versicherten mich oft es sei wirklich traurig wie es bei Denen zu gehe – einen Hasen haben sie einmal drei ganze Wochen vor dem Küchenfenster hängen gehabt, bis er gar nicht mehr zu genießen war, denken Sie sich, den hatten sie rein vergessen und was die allein den vier kleinen Bologneser Hunden füttern, die sich die Frau Ministerin hält, davon könnten zwei arme Menschen anständig leben. Das sollte denn doch wahrhaftig nicht sein, und selbst in der theueren Zeit hat sie nicht einen einzigen abgeschafft.«
Eine kurze Unterbrechung entstand hier durch das Eintreten des Pastors, der übrigens keinen Theil an der Unterhaltung nahm, sondern sich mit dem Oberpostdirector in die Ecke des Zimmers auf ein kleines Seitensopha setzte, und dort mit diesem einiges sehr angelegentlich zu besprechen schien. Das so interessante Gespräch der Damen wurde aber auch jetzt, als ob sie die Gegenwart des geistlichen Herren scheuten, mit etwas leiserer Stimme, sonst jedoch mit keineswegs vermindertem Eifer, fortgesetzt. Die beiden liebenswürdigen Schwestern Seiffenberger schienen sich übrigens der Unterhaltung mehr und mehr zu bemächtigen und Fräulein Schütte wurde einsylbiger als man das sonst wohl von ihr gewohnt war – sie brannte nämlich darauf irgend ein brillantes Gesangstück vorzutragen und hoffte bis jetzt nur noch immer auf eine erneute Einladung als zündende Lunte – obgleich sie im entgegengesetzten Fall dennoch fest entschlossen war, von selber los zu gehn.