»Und das wäre?« frag Fräulein Melinde rasch.

»Eine Sängerin, wie ich sie selbst in den ersten Städten Europas (Schäker – die größte Stadt die er je gesehen, war Dresden) nicht getroffen. Ein Mädchen – zwar, allem Anschein nach in höchst mittelmäßigen Umständen, auch etwas zu bleich und krankhaft von Aussehn, um gerade schön genannt zu werden, aber eine Stimme – famos – glockenrein, und weich wie Sammet – und eine Höhe! – Sie sang zuerst ein paar ernste Sachen – recht brav, das muß man sagen; aber später trug sie ein humoristisches Lied vor – nein, meine Damen, ich habe nie etwas Aehnliches gehört!«

»Aber warum erfährt man das erst jetzt?« frugen Melinde und Josephine »warum giebt sie nicht irgend eine Matinee, ein Concert.« –

»Es ist liederliches Gesindel, das im Lande umherzieht« – mischte sich hier der Pastor in's Gespräch, und Feodor schnellte von seinem Sitze auf, um sich nach der Ecke hin, aus welcher die Stimme tönte, zu verbeugen – »sie wollten auch heute, am Sonntag Morgen schon singen, das hab ich mir aber verbeten; die Welt wird wahrlich immer schlimmer. – Das hätte einmal in einer früheren Zeit einem Christenmenschen einfallen sollen, an einem Sonntag komische Lieder zu singen, – er wäre gesteinigt worden; jetzt findet man das aber ganz in der Ordnung.«

»Und es ist ein böses Zeichen für die gottesfürchtige Gesinnung des Ortes,« pflichtete ihm hier der Oberpostdirector seufzend bei, »daß so etwas auch in unserem Orte einzureißen scheint oder die Menschen nur überhaupt Gefallen daran finden.«

»Bitte um Verzeihung, meine Herrn,« setzte sich aber hiergegen Feodor Strohwisch – der auch nach der zweiten Stimme hin seine Verneigung gemacht, zur Wehr, denn das hieß seine Existenz zugleich angegriffen – »von gemeiner Komik darf und kann hier nicht die Rede sein, der Humor aber ist das Salz und die Würze des Lebens, und eben so wenig wie wir an einem Sonntag das Salz entbehren mögen, eben so wenig ist das glaub ich, mit dem Humor der Fall – hahahahaha!«

Fräulein Schütte hatte sich auf die Tasten niedergebogen, um diese besser erkennen zu können, legte dann die Finger einzeln aber geräuschlos auf, und griff jetzt schwärmerisch einige Moll Accorde. Einer von diesen klang nicht ganz rein und Feodor warf einen mistrauischen Blick nach der, von geheimnißvollem Dämmerschein umflossenen Gestalt hinüber, schien aber gegenwärtig auf ein viel zu interessantes Kapitel gerathen zu sein, um davon so leicht wieder abspringen zu können.

»Ist denn die Sängerin allein oder in Begleitung hier?« frug Sophie.

»Ein alter Mann, wahrscheinlich ihr Vater ist bei ihr« – sagte Feodor, »er trug einzelne Piecen sehr hübsch vor, und accompagnirte besonders das letzte Lied reizend – nun – wo hab' ich es denn eigentlich – hin – gesteckt? – na das wäre ein schöner Spaß« – Er befühlte sich am ganzen Körper in immer größerer Hast, wie Einer, nach dem geschossen ist, und der nur noch nicht recht weiß, ob ihm die Kugel in der Schulter oder im Beine sitzt.

In dem Augenblick ging die Thüre auf, und Poller trat mit der großen Schraubenlampe herein, die er mitten auf den Tisch stellte und zugleich das Kaffeegeschirr mit fortnahm.