Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien, nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:
»Gut, gut — Raiteo will gehn, will mit fu-a sprechen — weißer Mann nicht Capitain bleibt hier so lange — Raiteo kommt wieder — Sonne dort« — und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines Nachspürens erspart würde.
Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr. Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen, und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in den Guiavenbüschen das auf’s Neue heranrudernde Boot erkennen konnte, eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und derselben Minute ein.
Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine Gewalt zu bekommen.
Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben, sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu wollen.
Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten, wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei; Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte, ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm allerdings das günstigste Resultat zu versprechen.
Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen, ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord zurückzukommen.
»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte — »Fische bei Gott!« rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und niedergezogen wurde — »die hätten auch noch ein paar Stunden warten können. An Bord boys, an Bord — rasch an Eure Riemen« — rief er dann seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle — denn soviel hatten sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes melden wolle — theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten.
Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht — mußten sie jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute — wenn sie eben nicht mit dem Ganzen durchbrannten — ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten — sollte das Schiff noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen — augenblicklich in ein Canoe nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange gut verwahrten, bis er selber zurückkäme.
Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn sie seien alle Christen und zwei »Mitonares« hier auf der Insel.