Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen — er habe Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle, besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden.
René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier Sadie’en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die Papiere die er mit sich führte — und Mr. Osborne verstand nicht allein das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig — erklärte ihm daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie, die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an ihm finden.
»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend betrachtet hatte.
Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte:
»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. — Ich bin allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich, einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen. Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun, und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden — er allein weiß ja auch nur, wer den rechten Glauben hat. Sie werden aber auch nie finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte — ein Jeder hat ein Recht zu seiner Meinung.«
Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz, denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu reden.
Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern — sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch das Zimmer.
Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle.
»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage, denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia’s als Ihrem eigenen Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen mehr bietet als nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich anschließen können — mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens und Geistes befriedigen konnte — die rohe Gesellschaft des Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie glauben jetzt — ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. — Wenn Sie sich aber nun irren? — Ich weiß was Sie sagen wollen — Sie folgen dem Drange Ihres Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor Ihnen — ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, — Sie haben die Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens hab’ ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren Verhältnissen hier zu finden glaubt — und was er findet.«
»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu — die Palmen selber, die ganze tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem, dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen, die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und Erziehung gleich waren, mit sich. — Fast alle diese kamen hierher, ein Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa zurückkehren. Dorthin passen sie auch — ihre Frauen stammen selbst von dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.«