»Doch« entgegnete ihm René — »ich habe vorher zufällig gehört, daß unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber soll, etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die Gelegenheit will ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt, reichliche Kleider mit zu nehmen. — Die Leute haben ja sonst nichts, sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.«
»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph immer noch kopfschüttelnd, »hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar hinterher — wie willst Du ihnen entgehen? — René, René es ist wahr, das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt’s in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem — verdammten Marterkasten loszukommen, aber — ich weiß doch nicht — hast du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist, und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub’ ich nicht daß Du zwei Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben — und die zwei Tage über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.«
»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René trüb; »ich hab’s mir nun einmal in den Kopf gesetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus entstehen was da will; schlimmer kann’s nicht werden als es schon ist.«
»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel viel schlimmer werden, Du hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal recht schlimm ist,« setzte er schaudernd hinzu — »und ich verlang’ es ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du der Sprache gar nicht mächtig — wie willst Du Dich den Leuten verständlich machen? René, es geht in der Welt alles nach Eigennutz — bist Du erst einmal älter, wirst Du das auch selber erfahren — und die Eingeborenen hier wissen recht gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der Capitain eine Masse Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches Leben förmliche Schätze sind.«
»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch — »Peste, ich brauche des alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall zu erkaufen, wenn es denn nicht anders sein kann.«
»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« lächelte Adolph, »und es werden wenig Matrosen von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil. — Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du immer nicht zu verfügen.«
»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph«, lächelte aber der junge Mann, auf alle diese Argumente — »und ich glaube selbst daß es eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie diese zu sein scheint, zu entlaufen — die Möglichkeit ist immer eher da, daß man eingefangen wird.« —
»Sag’ lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach ihn Adolph.
»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« murmelte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »ich habe mir aber noch nie etwas so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Versuch will ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!«
»Eh bien« lachte Adolph, »sobald Du einmal so weit gekommen, ist es nicht nöthig mehr darüber zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei nützlich sein könnte; ich sehe nur noch nicht wie.«