Der Soldat verschwand blitzesschnell wieder durch die Thür und vielleicht zehn Minuten später, während der Gouverneur mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen im Zimmer auf und ab ging, Murphy ungeduldig von einem Fuß auf den andern schaukelte und bald nach der Thür bald nach dem Fenster sah, hörten sie die raschen Schritte des jungen Officiers über die hölzerne Verandah kommen; wenige Secunden später betrat er das Zimmer, das Nöthigste jetzt über die rasch auszuführende Expedition zu berathen, das Berathene eben so rasch auszuführen.


Die Bambushütte in der Mrs. Tot ihren Wohnsitz aufgeschlagen, lag, wie sich der Leser erinnern wird, einige hundert Schritt von der äußersten und jetzt von Gräben und Wällen eingeschlossenen Grenze der eigentlichen Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbäumen versteckt, und jetzt also von jedem Verkehr mit ihren europäischen Gästen, den Matrosen der Englischen oder Französischen Schiffe, vollkommen abgeschnitten. Französische Matrosen hatten sich überhaupt bei ihr sehr selten, und nur dann und wann einmal von den Mädchen selber dorthin gezogen, sehen lassen, deshalb auch ihre Sympathieen nicht, und ein kleiner Transport ächten holländischen Genevres, eine Parthie versetzten Kartoffelbranntweins, den sie sich in Jims Abwesenheit von einem anderen ungeschickteren Bekannten wollte besorgen lassen, war ihr noch außerdem erst an dem gestrigen Tage von einer französischen Patrouille entdeckt und confiscirt worden, und damit dem Fasse ihrer Geduld der Boden ausgestoßen.

Die Hütte selber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlassen, denn wenn auch gerade jetzt dem verbotenen und so vortheilhaften Einzelverkauf der Spirituosen Nichts im Wege stand, da die Franzosen in ihren Schanzen gewissermaßen eingeschlossen lagen, wenigstens nicht daran dachten nur um dem Schmuggeln zu steuern kleine Patrouillen in das Dickicht hinauszuschicken, die von den Eingeborenen leicht überrascht und aufgehoben werden konnten, so lag doch auch der Platz wieder für diese zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und sprachen ja einmal Einzelne dann und wann vor, so geschah das meist nur auf Kundschaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrünnigen und den Feranis ergebene Landsleute, die sie jetzt fast mehr haßten als die Feranis selber, zu überraschen und aufzuheben. Murphy konnte fast den ganzen ausgeschlagenen Tag ungestört in seiner Bibel lesen, und Mütterchen Tot saß in einem Winkel ihrer Hütte, in einer Stimmung, die nur eine Ursache suchte, Gift und Galle gegen den ersten ihr in den Weg Laufenden auszuspritzen.

Es war spät am Nachmittag als die Stille fast zum ersten Mal durch die Schritte dreier Männer unterbrochen wurde, die den schmalen aus den Bergen niederführenden Pfad herunter kamen und sich der Hütte näherten. Es waren zwei Weiße und ein Insulaner – drei alte Bekannte von uns, Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetscher von Atiu, der mit dem ehrwürdigen Mr. Rowe von dort herübergekommen, und die Verhältnisse hier viel zu interessant und versprechend gefunden zu haben schien, Tahiti so bald wieder mit der stillen Heimathsinsel zu vertauschen. Der Indianer wurde voran in die Hütte geschickt, zu sehen ob die Luft rein und keine Gefahr zu fürchten sei.

»Nun was giebt's?« knurrte die Alte, als der Insulaner den Kopf in die Thür steckte und, Niemanden weiter darin erblickend wie die beiden Besitzer, eben so rasch fast wieder verschwand – »die Pest auf Deinen Kopf, Du rother Hallunke, kommst Du zum Spioniren hierher und weiter Nichts? daß Dich ein Hai packe das erste Mal wo Du den Fuß wieder in Salzwasser setzest, und Du Gift in dem ersten Glase Brandy säufst. Ha? – wer kommt da? – auf mit Dir Du fauler schuftiger Tagedieb dort, oder ich stehe auf und schlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren herum, das ich Dir tausendmal schon hätte verbrennen sollen, wenn meine verfluchte alberne Gutmüthigkeit nicht wäre. Auf mit Dir, sag' ich, und sieh nach – daß ich Dir Beine mache« knurrte sie dann leiser hinterher, als Murphy, innerlich Verwünschungen ausstoßend, denen er sich nur scheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichsam instinktartig gehorsam, aufstand, und durch die Stäbe der Bambuswand schaute.

Sie sollten jedoch über den Besuch nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon wenige Secunden später riß Jim O'Flannagan selber die Thür auf und betrat, immer aber noch einen mistrauischen Blick umherwerfend, und von Jack und Raiteo gefolgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot mit einem halb erstaunten halb mürrischen Gesicht empfing.

»Segne meine Seele Mann, wie seht Ihr aus« kreischte sie aber, als sie einen vollen Blick auf die Gestalt des Iren geworfen, die sie jetzt erst wieder erkannte. »Mensch, haben Euch die Feranis oder die Teufel in den Krallen gehabt, daß sie Euch nicht einen Zollbreit gesundes Fleisch im Gesicht gelassen? – wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer ganzen Gestalt wäre, an Eurer liebenswürdigen Physionomie hätte ich Euch im Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was führt Euch zu mir?«

»Verdammt gastliche Frage« knurrte der Ire, ohne weitres zu ihrem Bett gehend und sich dort, todesmatt und erschöpft, nieder werfend – »hol mir vor allen Dingen eine Cocosnuß, Murphy, – heh – hörst Du Schuft, da in der Ecke, und laß das verdammte Buch liegen – eine Cocosnuß will ich haben zum Trinken.«

»Und ist es meiner Mutter Sohn zu dem Ihr Schuft sagt?« knurrte der kleine Schuhmacher mit einem giftigen Blick nach dem so gefürchteten wie gehaßten Manne – »holt sie Euch selber.«