Für den kleinen Trupp war es jedoch ebenfalls die höchste Zeit sich zurückzuziehn, und den Kamm des Abhangs rasch zwischen sich und die Feinde bringend, wenigstens für jetzt vor ihren Kugeln geschützt zu sein, machte der Bootsmann den Vorschlag, den vor kurzer Zeit erst verlassenen Pfad zu verfolgen, und dann vielleicht mit der anderen Patrouille wieder zusammenzustoßen und sich zu verstärken. Adolphe aber, von seinen früheren Jagden her gewohnt die Richtung zu beachten, der er im Walde folgte, wollte davon Nichts hören; sie kamen auf dem Pfad nur immer weiter vom Strand ab und in die Berge hinein, und durch das Schießen aufmerksam gemacht, durften sie jetzt wohl erwarten noch mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen, ehe sie Papetee wieder erreichten, als ihnen lieb war. So die kleine Schaar um sich sammelnd, ließ er sie wieder gegen den Abhang vorrücken, die Gegner wenigstens auf kurze Zeit vielleicht damit zu täuschen, daß sie diese Position behaupten wollten; es war aber keiner von den Eingeborenen mehr zu sehen. Während sich der Bootsmann jetzt noch einmal zu dem Gerichteten nieder bog, zu untersuchen ob der Bursche da unten todt sei, rief das Kommandowort des Officiers die Soldaten in Reih und Glied, und als sich der Seemann wieder, völlig befriedigt, emporrichtete, marschirte der kleine Trupp, zu dem die Matrosen den Nachtrab bildeten, über den schmalen offenen Raum der Richtung zu, nach der sie den Pfad wußten, brach sich dort durch die Büsche Bahn, und folgte dem gefundenen offenen Weg endlich in einem kurzen Trab, aus der Nähe der Feinde zu kommen.
Diese waren indessen aber auch nicht müßig gewesen, und mit dem Wald vertraut, den gehaßten Fremden schon weit genug vorgeeilt sie zu belästigen und in ihrem Marsch aufzuhalten. Einzelne Schüsse fielen aus dem Dickicht, von denen eine Kugel sogar Adolphe in der Seite streifte, und einige Mal brach und raschelte es in den Büschen nach allen Richtungen, daß der Officier schon, einen allgemeinen Angriff gewärtigend, die Seinen halten und sich sammeln ließ. Augenscheinlich wollte der Feind dabei nur Zeit gewinnen, denn Boten waren sicher schon nach Verstärkung abgesandt, den kleinen Trupp der Fremden förmlich aufzuheben, und erst als sie sahen daß diese sich eben nicht aufhalten ließen und näher und näher wieder der Stadt zurückten, tönte plötzlich von allen Seiten ihr gellendes Kampfgeschrei und wie ein Rudel Wölfe fielen sie, dem Tod trotzend über die sie ruhig erwartenden Europäer her.
Wohlgezielte Schüsse empfingen sie aber hier, und die kleine Schaar wies den Angriff so muthig zurück, daß der Feind, seine Todten und Verwundeten aufgreifend, wieder im Dickicht verschwand und die Feranis eine Strecke lang ihre Bahn ruhig verfolgen ließ. Diese aber hatten auch einen schwer Verwundeten, der eine Matrose war durch den Leib getroffen und mußte jetzt von zweien getragen werden; doch die Leute wechselten unverdrossen mit einander ab, sich zur Vertheidigung stellend so wie sie die Feinde kommen hörten und ihre Flucht fortsetzend, sobald ihnen ein Augenblick Zeit gelassen wurde, bis ihnen, gar nicht weit entfernt, und auch schon ziemlich in der Nähe der Stadt, ein französisches Signalhorn neue Hoffnung brachte. Ihr Signal antwortete dem, und vielleicht zehn Minuten später rückte eine starke Colonne Marinesoldaten, zur Hülfe nachgesandt als ausgeschickte Spione die Kunde von dem gehörten Schießen nach Papetee gebracht, auf der Straße heran.
Von der, unter Lefévre abgegangenen Schaar hatte man ebenfalls Schießen gehört und eine andere Compagnie war ihr zur Hülfe nachgesandt, der Erfolg jedoch natürlich noch nicht bekannt.
Lefévre hatte indessen, mit dem Wald und allen Schleichpfaden um die Stadt herum vollkommen gut vertraut, auch ziemlich sicher daß sie gerade nach der gestrigen Niederlage der Eingeborenen nicht gleich wieder einen Angriff von ihnen befürchten durften, seinen Weg sehr rasch, aber auch etwas unvorsichtig verfolgt. Ein jahrelanger Aufenthalt auf den Inseln mußte ihn allerdings mit dem ganzen Leben und Wesen der Eingeborenen vollkommen vertraut gemacht haben, und er hielt sich ihnen an Schlauheit im Walde noch für überlegen; er hatte die Eingeborenen aber nie kennen lernen wie sie sich jetzt zeigten – gereizt und tapfer, dem eroberungssüchtigen Feind gegenüber, und vertraute dabei vielleicht zu viel auf das Uebergewicht, was ihm die bessere Führung der Schießwaffe jedenfalls geben sollte.
Wenig sich deshalb an das Geräusch kehrend, das sie etwa machten, rückten sie vorerst, so schnell ihnen das Dickicht den Fortgang erlaubte, durch die schon mehrfach erwähnte Guiavenniederung, in der sie sich jedoch mehr rechts hielten als Adolphe mit seinem Trupp, bis sie mit dem Fuß der Berge auch die Grenze der Guiaven oder diese doch hier so vereinzelt fanden, ihnen weiter kein Hinderniß mehr in den Weg legen zu können. Hochstämmige Mape- und Wibäume, Aitos, die Tiairis, mit einzelnen Brodfruchtbäumen, den prächtigen Tamanu oder Ati, der immergrünen callophyllum inophyllum und der Beringtonia Speciosa bildeten hier den herrlichsten Hochwald, den nur hie und da kleine Dickichte von Guiaven oder Citronen und Orangen füllten, während da und dort einzelne wehende Palmen mit ihren weit und zierlich gezackten Kronen selbst über die höchsten Wipfel dieser mächtigen Stämme hinausragten – die Könige der Wälder.
Hier hielten sie einen Augenblick; Lefévre selber, ehe sie das Thal betraten, wollte erst recognosciren ob sich vielleicht in dem, darin niederführenden und sonst sehr betretenen Pfad frische Spuren erkennen ließen und wohin sie gingen; es war aber Nichts zu sehn und nach dem, in letzter Nacht gefallenen Schauerregen noch kein Fuß wieder bergab gekommen – ihre Bahn lag frei. So wieder zurück zu den Seinen gehend, ermahnte er sie jetzt, da sie doch gewissermaßen feindliches Gebiet beträten, zu Vorsicht, besonders nicht mehr Geräusch im Gehn zu machen, als unumgänglich nöthig war, und setzte sich dann mit dem kleinen Zug wieder in Bewegung, das Thal hinauf und dem Lauf des kleinen Stromes, der hier klar und rauschend aus den Bergen nieder kam, folgend.
Eine Viertelstunde mochten sie so langsam in dem schmalen Thale fortgeschritten sein, dann und wann den Bergbach, der sich herüber und hinüber warf in seinem Bett, kreuzend, weil schroffe Felswand oder schlüpfriger steiler Hang ein Fortrücken an ein und demselben Ufer unmöglich machte, als der Seecadet, ein junger Bursch von vielleicht dreizehn Jahren, der hinter dem Zuge eine kleine Strecke zurück geblieben war, weil er mit dem An- und Ausziehen seiner Stiefeln beim Wasserdurchwaten nicht so rasch fertig werden konnte, eilig, und jetzt an kein Ausziehn mehr denkend, nachkam, an der kleinen Schaar vorbeiglitt und dem Führer mit etwas ängstlicher und erschreckter Miene meldete, daß er eben ziemlich fest überzeugt zu sein glaube, die Gestalt eines Eingeborenen in dem von den hohen Laubbäumen dicht überschatteten Thalgrund gesehn zu haben.
»Ein Gespenst haben Sie gesehn« lachte aber Lefévre, »Sie sehen ja todtenbleich aus, mein junger Herr – und die Hosen und Stiefel bis hoch hinauf naß – die Gestalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?«