Sadie lächelte, denn sie fühlte recht gut wie sie die Fremden in ihrem einfachen Gewand für irgend ein Mädchen des Hauses hielten, und sagte mit einer leisen Neigung des Kopfes, während aber ein höheres Roth ihre Wangen und Schläfe bis auf den Nacken färbte und das liebe Antlitz noch reizender machte:
»Monsieur Delavigne wohnt hier allerdings, und Madame, oder Sadie Delavigne — «
»Ah, dann ist dieß wohl seine Tochter? — ein reizendes Kind!« unterbrach sie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder.
»Und Madame Delavigne?« frug Mad. Brouard.
»Bin ich selber,« flüsterte Sadie mehr als sie sprach.
»Ah — mon Dieu — est il possible? — bless me!« waren die ersten erstaunten Ausrufe der Damen und Herren, denn so unerwartet kam ihnen die Entdeckung, daß René eine Eingeborene »zur Frau hielt,« selbst jeden schuldigen Anstand in diesen Ausrufungen zu vergessen, und Sadie fühlte das mehr, als sie es verstand, denn das Blut drohte ihr in diesem Augenblick die Adern der Schläfe zu zersprengen, und sie bog sich zu dem Kind nieder ihre Verlegenheit — wenigstens ihr Erröthen zu verbergen.
Die beiden Französinnen faßten sich aber rasch wieder, und wohl einsehend, welchen Verstoß gegen jede gute Sitte sie hier, allerdings nur in der ersten Ueberraschung, gemacht, traten sie auf Sadie zu, und begrüßten sie, ihr die Hände entgegenstreckend, in fast herzlicher Weise.
»Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Ueberraschung aufgespart,« rief die erste Sprecherin, Madame Belard, lachend — »wir haben natürlich nicht vermuthen können, daß er schon so heimisch auf den Inseln geworden wäre. — So sein Sie uns herzlich gegrüßt, Madame und versichert dabei, daß wir trotzdem keine Unbekannte in Ihnen aufsuchten. Ihr Herr Gemahl hat uns schon so viel Liebes und Gutes von Ihnen erzählt — nur Ihrer Abstammung erwähnte er nicht, wahrscheinlich nur uns Ihre Liebenswürdigkeit so viel lebhafter empfinden zu lassen.«
Sadie athmete leichter auf; die freundlichen Worte, wenn sie ihren Sinn auch nicht gleich vollkommen faßte, thaten ihr wohl. Sie hatte sich vor einem ersten Zusammenkommen mit jenen fremden Frauen, von denen ihr René schon erzählt, und in deren Haus sie einzuführen er gewünscht hatte, schon lange gefürchtet; deren erstes Betragen hatte dann ebenfalls nicht dazu gedient sie zu beruhigen, und um so wohlthuender kam ihr jetzt die herzliche Anrede. Ihr einfach treues Herz kannte auch weder Falsch noch Verstellung, und die Worte nehmend wie sie ihr geboten wurden sagte sie, den Frauen beide Hände entgegenstreckend, und ihnen offen und freundlich dabei in's Auge schauend:
»René wird es recht recht leid thun daß Sie ihn nicht hier gefunden haben, aber sein Sie mir herzlich willkommen und ruhen Sie sich ein wenig aus bei mir, von Ihrem Ritt. Ich will die Kleine nur indessen unter Aufsicht geben, und bin dann rasch wieder bei Ihnen.«