»Ich weiß ja Alles,« unterbrach ihn wieder Madame Belard, in gutmüthiger Ungeduld mit dem Kopf schüttelnd, als sie zum Ausruhen abgetreten waren und Nichts als eingeborene Frauen um sich sahen, die nicht verstanden was sie sprachen. »Er hat Ihre Frau nach unseren Begriffen von dem was sich schickt und gehört, beleidigt, und wäre das auf einem Europäischen Ball vorgefallen, so könnte nichts anderes als Degen oder Pistol den Streit entscheiden; hab' ich recht?«

»Wäre das?« wiederholte René erstaunt — »und ist das nicht hier, bei meiner Frau genau dasselbe?«

»Nein, nein und abermals nein!« sagte aber Madame Belard ungeduldig; »nach Insulanischen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit — «

»Aber meine Frau ist — «

»Eine Insulanerin, Sie mögen's drehen und wenden wie Sie wollen; und wenn sie eine Ausnahme macht von den übrigen, von denen sie allerdings wie Tag und Nacht verschieden ist, so liegt der doch nicht auf der Haut zu Tage, und das junge fröhliche Stück von einem Officier, das in seinem Uebermuth, von den Schiffsbanden auf einen Abend frei zu sein, nur hier herein springt, sich, wie es keine weiße Tänzerin bekommen kann, nach dem schönsten Indianischen Gesicht umschaut und da aus Versehen gerad' auf Ihre Frau trifft, hätte eben so gut vermuthen können einen Neger in weißer Haut zu finden, als eine Indianerin, die sich so ganz ihrer eigenen Sitten entschlagen, und Europäischen Gebräuchen mit ihrer Sprache und Haltung zugewandt hat.«

»Aber ihre ganze Kleidung mußte ihm das schon von vorn herein verrathen.«

»Als ob Ihr Männer überhaupt je sähet womit sich eine arme Frau herausgeputzt hat, diesen Herren der Schöpfung zu gefallen,« spottete die junge Frau halb im Scherz halb im Ernst; »entweder Ihr mustert ganz genau und auf das peinlichste, immer dabei Eueren schlechten Geschmack bewährend, oder Ihr wißt nicht einmal ob wir Seide oder Cattun getragen, wenn wir Stunden lang in Euerer Gesellschaft gewesen sind — Gott ist der Mensch grob,« seufzte sie dann nach einer kleinen Pause, als René schwieg und vor sich nieder schaute, mit komischem Ernst; »handgreiflich leg' ich's ihm in den Weg, und nicht eine kleine unbedeutende Schmeichelei sagt er mir dafür.«

»Liebe Madame Belard,« bat René.

»Ich bin schon wieder gut,« lachte die kleine Frau, »aber René,« setzte sie ernster, und einen Blick umherwerfend ob sie Niemand überhöre, hinzu — »seien Sie auch vernünftig, setzen Sie sich über eine kleine Vernachlässigung Ihres sonst so lieben Weibchens eher einmal hinweg, als Sie es nöthig hätten wenn sie — eben von — unserer Farbe wäre. Der Fremde kann nun einmal unsere Privatverhältnisse nicht so leicht durchschauen, und wird der farbigen Eingeborenen nie eine solche Achtung und Aufmerksamkeit zollen, als ob sie ihm ebenbürtig wäre.«

»Und ist sie das nicht?« rief René erstaunt, und Madame Belard biß sich auf die Lippen; sie zögerte augenscheinlich mit einer Antwort, die sie sich scheute gerade auszusprechen.