Und wie traurig ging es indessen im Hause des alten Barthold zu, denn mit Hans wurde es nicht besser, und als er am zweiten, dritten, ja selbst am vierten Tag noch immer nicht zur Besinnung kam, da war es der Mutter, als ob sie sich selber mit in's Grab legen müsse, wenn sie sehen sollte, wie sie den einzigen Sohn hinaustrügen auf Nimmerwiederkehr.

Auch der Vater ging wie gebrochen umher; der alte Mann schien in den wenigen Tagen um doppelt die Anzahl von Jahren älter geworden zu sein. Er sprach fast mit Niemandem, und die Knechte hatten noch nie mit solchem Eifer ihre Arbeit gethan und nach ihrer Pflicht gesehen, wie in diesen Tagen, denn es war ihnen gar so unheimlich, daß der alte Mann nicht manchmal mit einem, aber immer gut gemeinten Donnerwetter dazwischen fuhr und ihnen auf die Finger sah. Die Einzige, die noch die Arbeit im Hause besorgte, war Katharine; aber wo sie sich eine Minute an ihrer Zeit abmüßigen konnte, saß sie oben am Bett des Kranken und strickte, und wenn sie Niemand sah – denn sie wollte die Eltern nicht noch trauriger machen – fielen ihr die großen schweren Thränen auf ihre Arbeit nieder.

So war der vierte Nachmittag gekommen. Der Vater hatte die ganze Nacht bei dem kranken Sohn gewacht, die Mutter war dann den ganzen Morgen bei ihm gewesen, und jetzt hatte Katharine bei ihm die Wacht. Die Arme hatte wieder eine Weile gestrickt, dann ließ sie die Arbeit in den Schooß sinken, und ihr Blick haftete an den todtbleichen Zügen des Kranken, bis sich ihr endlich von den vielen herausstürzenden Thränen die Augen verdunkelten. Da aber hielt sie sich nicht länger; am Bett fiel sie nieder auf die Kniee, drückte ihre heiße Stirn gegen das Unterbett und rief mit halblauter, von Schmerz und Jammer fast erdrückter Stimme: »O, laß ihn leben, lieber Gott, laß ihn leben! sei barmherzig und nimm ihn nicht seinen armen Eltern, die den Jammer ja nicht ertragen könnten. Wenn aber eines sterben muß, o Du barmherziger Gott, so laß mich es sein. Wie gern, wie gern sterb ich für ihn, und besser, viel besser wäre es ja auch, Du nähmst mich fort, ich werde ja doch mein ganzes Leben elend und verlassen sein.« Und halb an dem Bett niedersinkend, daß sie sich nur noch mit den Händen hielt, schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen müsse.

Während sie betete, hatte der Kranke auf dem Lager langsam die Augen geöffnet und erstaunt aufgesehen. Jetzt schloß er sie wieder; die Betende lag aber noch lange neben dem Bett zusammengebrochen und erhob sich erst, als sie draußen Schritte hörte. Es war der Vater, der in's Zimmer kam, um nach seinem Sohn zu sehen.

Nur einen Blick warf er nach dem Kranken, seufzte tief auf und wandte sich dann gegen das Mädchen, dem noch die hellen Thränen über die Wangen liefen.

»Arme Katharine,« sagte er herzlich, umfaßte sie und küßte ihre Stirn, »thut Dir's denn auch so weh, daß wir den Jungen verlieren sollen? Aber härme Dich nicht so ab, Kind, Du wirst uns ja sonst selber krank. Wir stehen Alle in Gottes Hand, Herz. Er hat ihn uns gegeben; will er ihn wieder nehmen – sein Name sei gelobt.«

Katharine legte sich jetzt an die Brust des Alten, und ihr Schmerz löste sich allmählich in lindernde Thränen auf.

»Geh' jetzt, Schatz,« sagte der Vater leise und richtete sie auf, »die Mutter hat nach Dir verlangt. Ich bleibe bei dem Jungen. Der Chirurg muß auch bald wieder kommen. Sowie er da ist, schick' ihn mir augenblicklich herauf, hörst Du?«

»Ja, Vater,« sagte Katharine, die sich gewaltsam zusammennahm, »ich geh' schon, nur frische Umschläge möcht' ich ihm noch geben, daß es ihm die Wunden wieder ein Bischen kühlt.«

Der Vater nickte still und langsam vor sich hin, und setzte sich dann auf den Stuhl, zu Füßen des Bettes, während Katharine mit vorsichtiger Hand die kalten Umschläge erneuerte und dann leise, als ob sie einen Schlafenden zu stören fürchte, das Zimmer verließ.