Und Hans und Katharine waren glücklich, und die Eltern sollten nie im Leben bereuen, daß sie die kleine Waise damals an Kindesstatt angenommen und sich ein wirklich Kind daraus erzogen hatten.
An dem nämlichen Abend aber, an dem Hans und Katharine mitsammen Hochzeit machten, lief des Traubenwirths Tochter mit ihrem Schatz heimlich davon, und man hat nie wieder von ihnen gehört, denn sie gingen miteinander nach Amerika. Der Traubenwirth aber überlebte die Schande nicht lange, die ihm sein Kind angethan. Er kränkelte von da an, und wie das Jahr um war, trugen sie ihn still hinaus in sein letztes Kämmerlein.
Auf der Eisenbahn.
Wie ganz anders reisen wir jetzt, als früher; was für ein Drängen und Treiben ist das, in dieser vollkommen neuen Welt des Dampfes und der Elektrographen. Wie schnell fliegen wir, wie schnell fliegt die Zeit – und wie langsam gehen doch noch so viele Menschen in ihrem alten, ausgetretenen Gleis neben der Eisenbahn her, ja hielten uns wohl gern noch auf, um mit ihnen in Einem Tempo zu bleiben, denn jeder rasche Fortschritt ist ihnen zuwider. Aber eben so machtlos griffen sie in die Speichen der Zeit, wie in die Dampfräder des Fortschritts, und wir fliegen keck und freudig an ihnen vorbei, und lassen sie nachkeuchen.
Die Fahrt mit dem Dampfwagen ist freilich nicht mehr so gemüthlich, wie die frühere alte Postfahrt. In unserer praktischen Zeit hat die Gemüthlichkeit überhaupt erstaunlich abgenommen. Jetzt regiert der Eigennutz in der Welt, und wer einen Eckplatz im Coupé bekommen kann, lehnt sich behaglich hinein, streckt die Beine vor sich hin, und kümmert sich nicht um den Nachbar.
Das ganze Reisen ist auch ein anderes geworden. Früher gehörte ein Entschluß dazu, den alten Wohnsitz zu verlassen, um irgend einen entfernten Ort zu erreichen. Vor allen Dingen mußte man sich einen Paß mit genauer Personalbeschreibung verschaffen – Tagelang vorher eingeschrieben sein, um nicht in einem lästerlichen Beiwagen befördert zu werden – und dann die Abschiedsvisiten. – Jetzt dagegen trägt man die Paßkarte fix und fertig in der Tasche – oder braucht sie auch nicht einmal, und ist aus irgend einem entfernten Theil Deutschlands zurückgekehrt, ehe nur irgend ein Mensch eine Ahnung hatte, daß man überhaupt fortgewesen.
Die Reisenden selber verband früher auch schon der gemeinsame Entschluß – die lange Fahrt mit einander. Wo zum ersten Mal Mittag gemacht wurde, saßen die »Passagiere« von den »Gästen« des Orts getrennt, im »Passagierzimmer« allein und abgeschieden, oder im Gastzimmer an einem besonderen Theil des Tisches. Abends kehrten sie zusammen ein; Morgens tranken sie gemeinschaftlich Kaffee, und hatten im Postwagen wieder ein gemeinsames Leiden zu besprechen, das sie enger verband: die Klage über das letzte Nachtquartier.
Wie hat sich das in unserer Zeit geändert. Jetzt werden wir mit einer Anzahl von Personen zusammengeworfen, die uns nicht interessiren können, da sie vielleicht schon auf der nächsten Station aussteigen – selbst das wohin bleibt sich gleich, da sie uns wahrscheinlich nie im Leben mehr begegnen. »Reisegefährten« – das Wort existirt gar nicht mehr; man grüßt sich höchstens, wechselt vielleicht ein paar Worte mitsammen, und kennt sich nicht mehr, sobald man aussteigt, trotzdem man vielleicht eine Strecke gemeinschaftlich zurückgelegt hat, die unter frühern Verhältnissen eine feste und dauernde Freundschaft begründet hätte.
Das macht der Dampf: die Concentration der Zeit, wie man es nennen könnte, mit der wir in ein Coupé erst zusammengepreßt, und dann wieder gewaltsam auseinander geschnellt werden. Wer kann sich dabei gemüthlich fühlen? Wo ist die beschauliche Ruhe beim Reisen geblieben, mit welcher der »Schwager« vor der Abfahrt ein paar Stücke auf seinem Horn blies und das durch Verspätung eingetretene Zurücklassen eines Passagiers ein Ereigniß gewesen wäre, von dem man auf der Strecke noch Monate lang gesprochen hätte. – Jetzt dagegen ein rasches Läuten, ein Pfiff, und fort geht der Zug, ein unglückseliges Menschenkind aber, das in diesem Augenblick noch vielleicht verzweifelnd aus dem Wartesaal stürzte, kann nur mit bestürztem Gesicht hinter dem Davonbrausenden drein sehen, wird noch dazu ausgelacht, und ist von seinen früheren Mitpassagieren im nächsten Augenblick vergessen.
Und wie oft geschieht das. Der alte faule Schlendrian steckt da noch in einer Menge von Menschen, und kommen sie einmal hinaus in's Leben, treten sie aus ihrer Studirstube oder Werkstatt in's Freie, so hält es ungemein schwer ihnen begreiflich zu machen, daß die übrige Welt nicht auf sie wartet oder ihretwegen da ist – aber der Dampfwagen bringt's fertig.