Der englischen Gerichtsbarkeit war das ebenfalls bekannt. Hatte das eine englische Wirthshaus im Ort einmal Tanzmusik, so mußte die ganze Polizei die Nacht auf den Beinen sein und war selbst dann oft nicht im Stande, einen Tumult zu verhüten. Hielten die Deutschen dagegen Ball, so sah man keinen Policisten auf der Straße oder in der Nachbarschaft, und nur zuweilen kam die Behörde selber mit der Cigarre im Munde und einem ganz vergnügten Gesicht, um ein wenig zuzusehen, oder wohl selber einen Tanz zu wagen.
Der junge Benner war übrigens an dem Tage einer der fleißigsten Tänzer gewesen, und dabei nicht etwa wählerisch in seinen Ansprüchen an Rang oder Stand. Am allermeisten tanzte er sogar mit einem jungen Mädchen, einer reizenden Blondine. Sie war ein bildhübsches Kind, aber nur eine Schusterstochter, die bei dem Apotheker Schrader in Dienst stand, und Madame Schrader selber fühlte sich so entrüstet darüber, daß sie ihm, als er auch sie einmal aufforderte, mit gerümpfter Nase den Rücken drehte und meinte, sie »wolle ihre Jette nicht berauben.«
Jetzt war Pause. Benner hatte seine Tänzerin zum Büffet geführt, wo sie ein Glas Punsch mitsammen tranken, und schlenderte dann Arm in Arm mit dem früheren Lieutenant Krowsky im Saal herum.
»Du scheinst Dich zu amüsiren,« sagte dieser, der sich seinerseits ziemlich zurückgehalten hatte. Er war erst kurze Zeit in der Colonie und an das wunderliche Leben noch nicht gewöhnt.
»Und weshalb nicht?« lachte Benner, »zu was Anderem sind wir hier? Mir kommt Australien immer wie so eine Art unterseeische Stadt, wie eine Traumwelt vor, in die uns das Schicksal geworfen hat, und wir machen jetzt den hiesigen Meerweibchen den Hof, wie wir es früher den Baronessen und Comtessen gemacht haben.«
»Ja,« sagte Krowsky, »so würde ich es mir auch gefallen lassen, wenn ich die Gewißheit hätte, daß ich morgen früh in meinem Bett daheim wieder aufwachte, aber – hol' mich der Teufel, Benner, ich glaube, wir haben einen verflucht dummen Streich gemacht, daß wir uns hierher verloren, und ich wenigstens sehe noch gar kein Ende ab, wie wir wieder mit Ehren wegkommen wollen.«
»Wieder wegkommen?« lachte Benner trotzig, »und wer denkt daran? Das frühere Leben haben wir abgeschüttelt – für Deutschland sind wir doch todt und begraben – die Oberwelt will uns nicht wieder und kann uns nicht gebrauchen, so jetzt denn mit beiden Füßen in dies tolle Treiben hineingesprungen und durchgeschwommen – es kann eben Nichts helfen.«
»Ja, das ist Alles recht schön und gut,« seufzte der Lieutenant, »wenn nur eben die Erinnerung nicht wäre.«
»Bah!« lachte der junge Baron trotzig, – »Erinnerung! Kannst Du selber zurück? – Bist Du im Stande, daheim wieder in die alten, einmal verlassenen Verhältnisse einzutreten?«
»Wenn ich's wäre, Benner, bei Gott, ich bliebe keine Stunde länger in dem verwünschten Lande – aber es geht nicht.«