zu mir herauf, das erste deutsche Lied und Männerchor wieder, das ich seit langen Jahren hörte, und wie hatte ich mich danach gesehnt. – Neben mir öffnete sich ein Fenster – es fiel mir jetzt wieder ein, daß eine berühmte Opernsängerin meine Nachbarin war, die hier in Bremen gastirt hatte und morgen früh wieder abreiste. Der Kellner hatte mir davon gesprochen, als er das Theegeschirr hinausnahm.

Und jetzt verklangen die Töne, um wieder mit einem anderen, lebendigeren Liede zu beginnen; aber voll und weich klangen sie zu mir herauf – voll und weich war mir das Herz dabei geworden und – ich brauche mich deshalb nicht zu schämen, daß mir die hellen Thränen in den Bart liefen.

Noch immer saß ich so, und die Sänger waren schon lange fortgezogen; die Uhren in der Stadt brummten die zehnte Stunde, als ein anderer, nicht so harmonischer Ton all' die schwermüthigen Gedanken im Nu verscheuchte.

»Tuht!« blies der Nachtwächter unten und sang sein melancholisch Lied, und ich sah den dunklen Schatten des Mannes unten mit schwerem Schritt über den Platz schreiten, folgte ihm mit den Augen so weit ich konnte, und horchte auf die, aus ferneren Stadttheilen herüberschallenden Antworten noch lange, lange. – Und dann kamen Nachtschwärmer, die einen Hausschlüssel hatten und ich hörte wie die Thüren auf- und wieder zugemacht wurden – und dann schlugen die Uhren wieder ein Viertel, Halb, drei Viertel und Elf. Immer konnte ich mich noch nicht losreißen von dem Platz am Fenster, bis ich endlich lange nach elf mein weiches Lager suchte. Und wie herrlich schlief ich, denn meine alte Seegras-Matratze an Bord hatte ich in den vier Monaten so hart wie ein Bret gelegen, und das weiche Roßhaarbett bot einen neuen Genuß.

Am nächsten Morgen war ich früh auf den Füßen, Manches zu besorgen, meine mitgebrachten Kisten auf die Fracht zu geben und liebe Freunde zu besuchen. Eine Zeitung hatte ich noch nicht in die Hand bekommen und das Einzige, was ich bis jetzt von einer politischen Neugestaltung der letzten 8 Monate wußte, war die Wahl Louis Napoleons zum Präsidenden der Republik. Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen anriefen, hatte uns ein altes Stück englischer Zeitung – halb durchgerissen, mit einer tüchtigen Steinkohle als Gewicht hineingewickelt – zugeworfen – darauf fanden wir einen Theil der Einzugsfeierlichkeiten des neuen Präsidenten beschrieben – das war Alles was wir von Europa überhaupt erfuhren – und sonderbarer Weise gleich das Wichtigste.

Freund Andree, den ich in Bremen antraf, ersetzte mir aber alle Zeitungen, denn mit kurzen bündigen Worten gab er mir einen flüchtigen, aber vortrefflichen Ueberblick des Geschehenen – du lieber Gott, es war wenig Tröstliches, das ich erfuhr – wie traurig sah es in dem armen Deutschland aus, und was war aus der Freiheit, aus den Freiheiten geworden, die wir 48 erträumt. Der alte Fluch der Uneinigkeit hatte wieder seine giftigen Früchte getragen, und Alles was ich aus dem Sturm der letzten Jahre gerettet fand – und das überhaupt der Mühe des Aufhebens lohnte, war: die Erinnerung an das Parlament; das Bewußtsein, daß wir ein solches wirklich gehabt hatten, daß es also nicht zu den Schattenbildern gehörte und uns einmal, es möchte nun dauern so lange es wollte, wieder werden mußte. – Jetzt freilich feierte der Bundestag wieder seine Ferien wie vordem – ein Dorn im Fleisch der Deutschen, ein Spott und Hohn für das Ausland. – Die deutschen Schiffe, die noch draußen auf der Rhede von Bremerhafen unter der schwarz-roth-goldenen Flagge lagen, warteten auf den Hammer des Auctionators, die Schmach von Schleswig-Holstein und Olmütz brannte auf unserem Herzen und – was ich außerdem von Bekannten und Freunden hatte, saß im Zuchthaus oder war verbannt. Tröstliche Nachrichten für einen Heimkehrenden; aber es überraschte mich kaum. Als ich Deutschland im März 49 verließ, saß der mit den deutschen Farben bewimpelte Staatskarren schon fest im Schlamm, und man brauchte damals kein Prophet zu sein, ihm sein Schicksal vorher zu sagen. Das Alles hatte sich jetzt erfüllt, die Reaction grünte und blühte, und wie in der Argentinischen Republik, that es den würdigen Staatsmännern nur leid, daß sie nicht auch Wald und Himmel mit ihren respectiven Landesfarben schwarz und weiß oder schwarz und gelb oder weiß und blau anstreichen konnten.

Was half's! Es mußte ertragen werden, und nur die Hoffnung konnte uns selbst unser damaliger Zustand nicht rauben.

In Bremen besorgte ich so rasch als möglich was ich zu besorgen hatte, fuhr dann nach Hamburg hinüber, dort einige von Sidney herübergeschickte Sachen, meist Indianische Waffen, in Empfang zu nehmen, und eilte nun, so rasch mich Dampf und Eisenschienen bringen konnten, nach Leipzig, meine damals in Wien lebende Familie wieder zu sehen.

Unterwegs mußte ich erst noch an der Preußischen Grenze eine Paßplackerei überwinden. Mein Paß war seit drei Monaten verfallen und außerdem in einem Zustand, wie ihn ein Preußischer Grenzbeamter wohl kaum je unter Händen gehabt. In Brasilien und besonders in der Argentinischen Republik wie in Batavia, selbst von den französischen Behörden auf Tahiti war freilich allen Anforderungen, die selbst ein deutsches Postbüreau stellen konnte, genügt; an allen übrigen Landungsplätzen hatte sich aber kein Mensch um einen Paß bekümmert, und ich war nicht leichtsinnig genug gewesen, mir unnöthige Laufereien und Geldausgaben zu machen. Nur um die ganze Route auf dem Paß zu haben visirte ich ihn mir, aus angeborenem Pflichtgefühl, dort selbst, und diese Mißachtung eines officiellen Visum schien die Polizeibeamten am meisten zu erschüttern. Trotzdem behandelten sie mich humaner als ich erwartet hatte, und mit einem sanften Verweis über mein rücksichtsloses Handeln: »Aber lieber Herr, Sie reisen in der ganzen Welt herum und lassen nirgends visiren,« wurde mir erlaubt, meine Reise ungehindert fortzusetzen.

In Leipzig, wo ich einen Tag bleiben mußte, kam ich Abends spät an, und wollte noch meinen dort wohnenden Schwager aufsuchen. Seine Adresse hatte ich; ich wußte nämlich die Straße und Hausnummer, es war aber schon so dunkel, daß ich die Nummer nicht mehr erkennen konnte, und die vollkommen menschenleere Quergasse langsam niederschreitend, hoffte ich an irgend einem Haus einen Menschen zu finden, den ich fragen konnte.