Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen, wem von uns Allen ruft nicht ein Band, ein trocknes Blatt, ein alter, wieder und wieder gelesener Brief alte Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen der Seele wach? und wenn wir einmal sterben? dann kommen rauhe Hände und zerstören diese »Leichen unserer Erinnerung,« denn das Leben fehlt ihnen, was ihnen diese für uns eingehaucht.
Und können wir uns deshalb von ihnen trennen? Nein, es ist nicht möglich, denn sie bilden einen Theil, und zwar den edelsten Theil unseres Selbst; sie sind die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem unzerreißbaren Glieder jener Kette, die uns an die Heimath binden. Sie sind die Tröster in mancher bitteren, sorgenschweren Stunde, die Märchenerzähler unserer eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm die Hoffnung genommen würde, zum Selbstmörder werden müßte, und wie er deshalb die Hoffnung hegt und pflegt, weil er mit ihr die Brücke zu seiner Zukunft baut, so hält er auch die kleinen Zeichen fest als theure Gaben der Vergangenheit.
Wohl wäre es besser, wir selber vernichteten diese kleinen unscheinbaren Liebesboten, wenn wir einmal fühlen, daß unser Ende naht; aber wer fühlt das? Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick wohl eingestehen: Jetzt ist vorbei, jetzt weist der Zeiger auf die letzte Stunde? Nicht Einer aus Tausenden. Noch mit zitternder Hand, mit schon halbgebrochenem Auge fällt unser Blick darauf, und wenn wir dann sterben, dann fliegt mit unsrer Seele auch die Seele unserer Reliquien – Gott nur weiß wohin, und unsere Leichen werden Staub.
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als er, vierzehn Tage später, um Bertha Vollmer anhielt
als er, vierzehn Tage später, um Bertha Wollmer anhielt
[Seite 3]
und wenn sie ihn auch nie ein unfreundlich Gesicht
und wenn sie ihm auch nie ein unfreundlich Gesicht