»Hm, ja,« lachte der Justizrath, aber doch etwas verlegen, »da ich – da ich doch nicht wissen konnte, wie die Sache heute ablief, so –«

»So hat er die Thür abgeschlossen, daß ihm der Geist nicht wieder davonlaufen konnte!« jubelte der Doctor – »das ist vortrefflich. Justizrath, Sie sind ein Schlaukopf.«

Die Rieke wurde indessen hereingeholt und bestätigte, was sie schon an dem Nachmittag der Justizräthin gestanden, daß sie an jenem Abend die Frau Heßberger unten im Haus getroffen und sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, der so plötzlich weg gewesen wäre und über den sich die Frau so geängstigt hätte, daß sie ohnmächtig geworden wäre. Danach konnte sich die Kartenschlägerin wohl denken, daß die Erwähnung jenes Mannes noch frisch in der Erinnerung der Justizräthin sein würde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das geschickt genug.

Der Doctor schwur übrigens, daß er der Gesellschaft da oben über kurz oder lang das Handwerk legen lassen werde, denn er versicherte, daß ihm in letzter Zeit schon verschiedene Fälle vorgekommen wären, wo sie mit ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet oder den Leuten sehr unnöthiger Weise Kummer und Herzeleid bereitet hätten.

Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die kleine Gesellschaft setzte sich dann unter Lachen und heiteren Gesprächen – die Justizräthin zwischen den Doctor und »den Mann im grauen Rock« – zu dem frugalen aber fröhlichen Mahle nieder. Von dem Abend an aber verließen jene bösen Träume die Justizräthin, denn zu fest hatte sie an die Erscheinung geglaubt, um nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des Gegentheils geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht fallen zu lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, und nur zu glücklich, sein liebes Weib von jenem unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen, beschenkte den kleinen Lehrer noch an dem nämlichen Abend so reichlich, daß er am nächsten Morgen, jeder Sorge enthoben, seine Heimreise und dann seine Stellung in der Vaterstadt antreten konnte.

Die Folgen einer telegraphischen Depesche.

Telegraphische Depesche

Dr. A. Müller Leipzig –straße 15.

Herzlichsten Glückwunsch – heutigen Geburtstag noch oft wiederkehren – Alle wohl – tausendmal grüßen – Inniger Freundschaft.

Mehlig.