»So mein Kind,« sagte Hamilton, der sie aufmerksam betrachtete, »also ein Täschchen hat er unter dem Arm getragen? groß?«
»Na – kleen – vun Ledder – en hibsch Täschche.«
»Und der ist dort hinaus zu gegangen?«
Die Frau bestätigte das – eine Brille schien er aber nicht aufgehabt zu haben; das Kind wollte wenigstens nichts derartiges bemerkt haben und eine blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.
Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur eine außerordentlich schwache, Hamilton beschloß aber doch, ihr zu folgen und ohne weiter einen Moment Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldstück in die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach Soden wieder auf die Post, um dort Extrapost nach Königstein zu nehmen. Nur so viel Zeit gönnte er sich, um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferde angespannt wurden – dann ging es vorwärts, was die Thiere laufen konnten.
In Königstein selber – denn unterwegs, so oft er sich auch nach dem Gesuchten erkundigte, erhielt er doch keine Auskunft – war die Nachforschung nicht so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anständige Wirthshäuser und in dem einen erfuhr er denn auch, daß ein einzelner Herr mit einem sehr schwarzen Schnurrbart und etwas brauner Gesichtsfarbe da gefrühstückt habe, dann aber weiter gegangen sei, ohne daß sich natürlich irgend Jemand um ihn bekümmert hätte. Eine lederne kleine Reisetasche mit Stahlbügel führte er bei sich, eine Geldtasche hatte er umhängen, und auch noch einen Riemen umgeschnallt gehabt – das wollte der Wirth deutlich gesehen haben – weiter wußte er nichts.
»In was für Geld hat er seine Zeche bezahlt?«
»In Gulden und Kreuzern – der Landesmünze.«
Hamilton war nicht halb sicher, daß er wirklich auf der Spur des Gesuchten sei, aber was blieb ihm jetzt anderes übrig, als ihr, da er sie einmal aufgenommen, auch weiter zu folgen, er würde sich sonst immer wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrscheinliche Bahn aufgegeben zu haben, um dafür wild und verloren in der Welt herumzusuchen.
Von hier aus schien der Flüchtling aber wirklich den Waldweg eingeschlagen zu haben, denn auf keiner Straße war er mehr gesehen worden, auch konnte er sich keinen Führer genommen haben, denn das hätte sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war bald Abend, als Hamilton erschöpft in das Gasthaus zurückkehrte, wo er mit einer Flasche Wein und der Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt an auf gut Glück weiter suchen müsse. Nur eine Andeutung seines zukünftigen Weges fand er in der Richtung, in welcher Königstein von Soden lag – direkt nach dem Lahnthal zu, und der beschloß er auch jetzt zu folgen. Allerdings mochte sich der Flüchtige rechts oder links abgewandt haben, um entweder Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere blieb aber immer das Wahrscheinlichste.