Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als er das hell erleuchtete Portal betrat, an welchem ein gallonirter Portier und ein sehr einfach gekleideter Polizeidiener – zur Wache, daß das heilige Spiel nicht etwa gestört würde – auf Posten standen. Der Portier wollte übrigens Schwierigkeiten machen, als er Hamiltons hellen Rock sah – er schien ihm für die Spielhölle nicht anständig genug gekleidet, aber neben ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte Französin frech vorüber, welcher der Lakai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. Hamilton wußte indessen, welchen Zauber in einem solchen Fall ein Guldenstück ausüben würde, und der augenblicklich zahm gewordene Portier schmunzelte auch so vergnügt darüber hinweg, daß seinem Eintritt nichts weiter im Wege stand.

Wenige Secunden später befand er sich, von dem jetzt dienstbaren Geist willig geleitet, im Lesecabinet, aus dem eine Thür unmittelbar in den großen Spielsaal führte.

Dort saßen nur ihm vollkommen fremde Menschen, ein langbeiniger Engländer, der gewissenhaft die Times durcharbeitete, ein kleiner beweglicher Franzose, der über dem Charivari schmunzelte, und ein Paar andere Badegäste, die gleichgültig und aus Langeweile die verschiedenen continentalen Zeitungen durchblätterten.

Er hielt sich dort nicht auf und öffnete die Thür, die in den Spielsalon führte, aber anfangs nur halb, um erst einen Ueberblick über die verschiedenen Gestalten zu gewinnen, und nicht früher gesehen zu werden, als er selber sah. Aber es hätte dieser Vorsicht nicht einmal bedurft, denn die dort Befindlichen hatten nur Ohr für den monotonen Ruf des Croupiers, nur Auge für den grünen Tisch, und die darauf genähten bunten Lappen. Wer kümmerte sich von allen denen um den einzelnen Fremden, wenn er nicht selber als stark Spielender – mit Glück oder Unglück blieb sich gleich – ihr Interesse für einen Augenblick in Anspruch nahm.

Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die einzelnen Gesichter derselben mustern zu können – aber er fand kein bekanntes darunter. Es war ein buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoßenden Physiognomien, unter denen sich nur hie und da die kalten speculirenden Züge alter abgefeimter, und ruhig ihre Zeit abwartender Spieler, auszeichneten. Auch viele »Damen« standen dicht von den Uebrigen gedrängt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den Namen von Damen überhaupt verdienen. Eine von diesen saß sogar neben dem Croupier – es war der Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, üppiges Weib, tief decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem Brillantschmuck; andere drängten, jede Weiblichkeit bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur unwillig Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in wilder Hast auf eine Nummer zu schieben.

Hamiltons Blick streifte gleichgültig darüber hin, und wie er sich langsam selber um den Tisch bewegte, entging kein irgendwo eingeschobener Kopf seinem forschendem Auge. Da hörte er auch in einem kleineren Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die monotonen Worte: »le jeu est fait« – denen lautlose Stille folgte, und wollte eben auch jenes Gemach betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle blieb, denn dort stand Kornik – bleich wohl jetzt, von der Erregung des Spiels, und mit gierigem Blick an der abgezogenen Karte hängend – aber unverkennbar derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den verrätherischen Schnurrbart abzurasiren, oder sein Haar anders zu tragen, er mußte sich heute Abend hier vollkommen sicher fühlen. Nur die blaue Brille fehlte.

Im ersten Moment fürchtete Hamilton fast sich zu bewegen, daß nicht der Blick des Verbrechers ihn vor der Zeit traf. Aber es war das eine vollkommen nutzlose Angst, denn der Spieler hatte nur Augen für die vor ihm abgezogenen Karten – weiter existirte in diesem Moment keine Welt für ihn. Vorsichtig zog sich der Polizeiagent deshalb wieder zurück, bis er sich im Nebenzimmer gedeckt wußte, schritt dann durch den Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.

Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich was er wollte – derartige kleine Zwischenfälle kamen gar nicht etwa so selten in diesen Spielhöllen vor – und überraschte dabei den Portier auf das angenehmste, indem er ihm zwei große Silberstücke – er sah gar nicht nach, was – in die Hand drückte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend möglich Polizeimannschaft zur Hülfe herbeizuholen. Die befand sich übrigens stets in der Nähe. Ein verzweifelter Spieler hatte sich wohl schon dann und wann einmal, zum Letzten und Aeußersten getrieben, an der heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil in rascher Flucht gesucht, und dagegen mußten die Herren freilich geschützt werden. Wenn auch ein Raub, war das Geld doch ein gesetzlich gewonnener, und die Regierung fühlte sich verpflichtet, dessen Schutz zu überwachen.

Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen noch lange nicht genug, um ihn länger, als unumgänglich nöthig war, sich selber zu überlassen; er war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise durch die Finger geschlüpft, während er ihn eben so sicher geglaubt wie gerade jetzt. Aber er selber kannte die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig, um zu wissen, daß er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen hatte, als in einem schönen Weibe, und als er in Begleitung des Polizeidieners jenes Zimmer wieder betrat, stand Kornik noch eben so fest und regungslos, eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt, an seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.

Der Polizeibeamte übereilte sich aber jetzt nicht im geringsten. Er wußte, daß ihm sein Opfer nicht mehr entgehen konnte, und hielt es für viel gerathener, den Herrn nicht früher zu beunruhigen, als er der herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grüne Brille nahm er ab.