Der Offizier mochte etwas Aehnliches fürchten, denn er trat dicht zum Rand des Wassers zurück und sah sich nach seinen Leuten um. Dadurch gewannen die Bewohner von Tomaco nur neuen Muth. Der Alkalde wollte etwas sprechen, aber er kam nicht zu Worte — wieder gaben die Hurrahschreier eine volle Salve, und der Offizier, mit gänzlicher Mißachtung seiner blanken Stiefeln und trockenen Beinkleider, trat in das Seewasser hinein, war mit wenigen Schritten bei seinem Boote, schwang sich hinein, und während sich die Ruderer mit aller Macht in die Riemen legten, glitt die etwas plumpe Jolle wieder in tiefes Wasser zurück und dem Schiffe zu.
[Viertes Capitel.]
Die Einnahme von Tomaco.
Draußen in See hatte indeß die Mannschaft mit großer Spannung dem Erfolg des Parlamentairs entgegengesehen, denn dieser gab ja die Entscheidung, ob sie die vor ihnen liegende Insel ruhig besetzen oder sie erst nach einem vielleicht harten und blutigen Kampfe erobern sollten.
Und eine wunderliche Mannschaft war es in der That, welche die Decks der kleinen Fahrzeuge füllte. Besonders der Schooner, eigentlich das stärkere Schiff von den beiden, zeichnete sich darin aus, denn zusammengeleseneres Volk ließ sich kaum auf der Welt denken. Nicht ein Mann sah aus wie der andere oder hatte auch nur das geringste Seemännische in seinem Wesen. Schmutzig, abgerissen, nicht einmal in ihrer Hautfarbe gleich, die vom tiefen Schwarz des Negers bis zu der braunen Haut des Halbindianers alle verschiedenen Schattirungen zeigte, räkelten sie sich und lagen über Deck, und die drei oder vier Europäer dazwischen schienen einer ganz anderen Welt anzugehören.
Besonders der Steuermann, ein Engländer, und wie alle englischen Seeleute sauber und adrett gekleidet, sah mit unbeschreiblicher Verachtung auf den Troß hinab, als er jetzt oben auf dem Quarterdeck, sein Telescop in der Hand, die Befehle des Capitäns, eines Neu-Granadiensers, erwartete.
Aber die Schiffe wenigstens paßten zu der Mannschaft, denn wenn man ihnen von außen auch erst kürzlich einen frischen Ueberzug von Oelfarbe gegeben hatte, so konnte das doch den Augen eines Kundigen die alten Schäden nicht verbergen, die sich nicht übertünchen ließen. Selbst der Hauptmast war geflickt und die Segel schienen nur aus einzelnen Lappen zusammengesetzt zu sein — die meisten Taue bestanden aus zusammengedrehter roher Haut und aus dem Deck selber hatte Alter oder lange Benutzung schon ganze Spähne herausgefressen, daß es gar nicht mehr ordentlich gescheuert werden konnte. Ueberhaupt sah das ganze Fahrzeug genau so aus, als ob es eine einzige tüchtige See rettungslos in den Grund waschen müsse, während der untere Raum, in dem die Besatzung schlief und aß, gar keine Beschreibung zuließ.
Allerdings hatte der Steuermann versucht, in diese Wirthschaft Ordnung oder doch wenigstens Reinlichkeit zu bringen, aber vergebens. Die ganze Mannschaft trat gegen ihn auf, und da ihn der Capitän in seinen Bemühungen nicht im Geringsten unterstützte, ja seinem Cajütenjungen sogar gestattete, daß er die Cajüte in einem ähnlichen Zustande hielt, so ließ er es endlich gehen; was sollte er sich auch mit den Land-Lubbern die Schwindsucht an den Hals ärgern?
Jetzt kam das Boot zurück.
»Wie die Kerle nur rudern!« brummte er leise vor sich hin. »Ein Heidenglück, daß hier kein Mensch einen Begriff davon hat, wir müßten uns zu Tode schämen mit unserer Bande. Hol' sie der Henker!«