Abb. 115. Rathaus in Stolberg.
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Keine andre Harzstadt kommt ihr in seltsamer Lage gleich. Von allen Seiten durch hohe Berge eingeengt, erscheinen ihre langen Gassen gleichsam in die vier hier zusammentreffenden Thäler eingegossen, und die Berge wie zerrissen, als ob ein gewaltiger Blitz die Gebirgsmassen in riesige Furchen zerteilt hätte, die strahlenförmig vom Markte auslaufen. Im Mittelalter war der Marktplatz durch vier Thore befestigt, und auch am Außenende jeder der vier Gassen erhob sich ein Thor, aber Wall und Mauern hatte die Stadt nicht; denn oft unmittelbar hinter den Häusern, auch hinter dem interessanten Rathause (Abb. [115]) steigen die Felsen auf. Die uralten Bürgerhäuser in malerischer Holzkonstruktion finden sich nicht, wie z. B. in Goslar, vereinzelt und verstreut, nein, die ganze Stadt mutet uns an wie ein unversehrt gebliebenes Stück Mittelalter.
Die dritte stolbergsche Residenz, das neue, schöne Schloß Roßla, liegt anmutig halb im Park versteckt am Ufer der Helme. Von hier oder von der benachbarten Station Bennungen machen wir einen kurzen Abstecher nach dem Dorfe Questenberg, das sich überaus malerisch in ein von schroffen Gipswänden eingefaßtes, enges Thal einschmiegt, deren Weiß durch die dunklen Waldhänge noch blendender wird. Auf einem dieser Felsen erhebt sich die bedeutende Ruine der Burg Questenberg, die noch im dreißigjährigen Kriege militärisch besetzt war. Unser Besuch aber gilt dem gegenüberliegenden, von einem vorgeschichtlichen Erdwalle umgebenen „Questenberge“, und insbesondere dem hier aufgerichteten Questenbaume, einer 12 Meter hohen entrindeten Eiche, an deren Kreuzarmen ein riesengroßer Kranz mit Birkenzweigen befestigt ist. Hierher zieht die Dorfgemeinde alljährlich am dritten Pfingsttage nach einem Festgottesdienste in feierlichem Zuge, führt einen Reihentanz um den Baum und kehrt zu Tanz und Schmaus nach dem Dorfe zurück. Die Sage führt diesen unzweifelhaft alten Brauch recht oberflächlich darauf zurück, daß ein Kind, welches sich Pfingsten im Walde verirrt hatte, nach langem Suchen wiedergefunden wurde, als es sich gerade einen Kranz (eine „Queste“) flocht. Unschwer aber ist in dem Questenfeste noch heute das altgermanische Maienfest zu erkennen: der Kranz ist ein Sinnbild der Sonne, der Tanz um den Baum ein Bild ihres scheinbaren Rundganges um die Erde.
Morungen. Sangerhausen.
In einem schmalen, hoch in die Berge hinausgreifenden Thale, dessen Wasser, wie der Questenberger Bach, der bei Bennungen in die Helme mündenden Leine zurinnt, liegt in einem reizenden Waldversteck das Dörfchen Morungen mit einem prächtigen Schlosse; die nicht unbedeutende Höhe, an die sich westlich das Dorf schmiegt, trägt die stark verfallenen Ruinen der gleichnamigen Burg. Der Blick hier über das Dorf hinaus in die liebliche Berg- und Waldlandschaft wirkt überraschend, aber noch größeres Interesse gewinnt die wenig bekannte Ruine dadurch, daß diese Burg Morungen die Heimat des Minnesängers Heinrich von Morungen ist, des bedeutendsten Vorläufers Walthers von der Vogelweide.
Von der Ruine gelangen wir auf einsamem Waldpfade über den Kunstteich nach den Ruinen der Burg Grillenberg, die sich auf einem waldigen Bergrücken über dem gleichnamigen Dorfe erheben. Das Burgplateau gewährt nur nach Süden, durch das Gonnathal, eine Fernsicht, aber eben dieser Blick aus dem Waldversteck über Sangerhausen auf die Allstedter Höhen und den Kyffhäuser und bis zur Finne und Schmücke bei Sachsenburg gehört zu dem Lieblichsten, was der Südharz zu bieten vermag.
Die Gonna führt uns nach dem freundlichen Sangerhausen, der zweitgrößten Stadt des Südharzes. Schon im Hersfelder Zehntregister von 899 erwähnt, hat sie sich, wenn auch sonst modernen Ansehens, manche wertvolle Erinnerung an alte, ruhmreiche Zeiten bewahrt. Von den Kirchen stammt die romanische Ulrichskirche mit fünf Apsiden und einem Turme über der Vierung schon aus dem zwölften Jahrhundert; Graf Ludwig der Springer erbaute sie kurz nach seiner Gefangenschaft unter Kaiser Heinrich V. (1116–1120); von den Profangebäuden sind das 1586 erbaute und um 1620 erweiterte Amtsgericht mit Turm und schönen Erkern und das aus dem Jahre 1437 stammende Rathaus, das infolge eines Anbaues von 1556 „einen Sparren zu viel oder zu wenig“ hat, die sehenswertesten. Das um 1250 vom Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen erbaute „alte Schloß“ bietet dagegen in seinem jetzigen Zustande kaum ein kunstgeschichtliches Interesse.