Rhodope.
Und diese Türen,
Wer stieß sie so weit auf?
Hero.
Du hast es gern,
Hinauszuschauen in den hellen Morgen
Und einzuatmen seinen frischen Hauch!
Rhodope.
Wer sagt dir das? Genug! Verschließe sie
Und wende alle Spiegel um!
Hero (schließt die Türen und wendet die Spiegel um).
Rhodope.
Es ist!
Ich suche mich umsonst zu überreden,
Daß ich mich täuschte! Kehre wieder, Nacht,
Und birg mich in den dichtesten der Schleier,
Ich bin befleckt, wie niemals noch ein Weib!
Hero.
Doch diese Rose wirst du nicht verschmähn,
Die ich dir schon vor Sonnenaufgang pflückte!
Rhodope.
Hinweg mit ihr! Sie welkt bei mir zu schnell!
Hero (indem sie sich mit ihren Begleiterinnen entfernt).
Ich heiße Hero und nicht Lesbia!
Rhodope.
Ihr ew'gen Götter, konnte das geschehn?
Ich hab Euch schon mit reiner Kinderhand
So manches fromme Opfer dargebracht!
Euch fiel die erste Locke meines Hauptes,
Eh' ich noch ahnte, daß Ihr allen Segen
In Händen haltet, der dem Menschen frommt!
Nie hat die Jungfrau Euren Dienst versäumt,
Und selten stieg mit ihrer Opferflamme
Zugleich ein Wunsch zu Eurem Sitz empor:
Sie suchte jeden, der sich regen wollte,
Mit Scham und Angst bis unter das Bewußtsein
Hinabzudrücken, denn sie warb allein
Um Eure Gunst und nicht um Eure Gaben,
Sie wollte danken, aber nichts erflehn!
Auch hat das Weib sich durch kein Traumgesicht,
Wie es die Tyndariden-Tochter schreckte,
Erst mahnen lassen an die heil'ge Pflicht,
Sie kam von selbst und schmückte den Altar.
Und dennoch—Warum weiht Euch denn der Mensch
Den besten Teil von allen seinen Gütern,
Wenn Ihr nicht gnädig ihn beschirmen wollt,
Wo er sich selbst nicht mehr beschirmen kann!
Den Löwen hält das Schwert dem Manne fern,
Wenn er, von Hunger oder Wut getrieben,
Hervorstürzt um die heiße Mittagszeit:
Kein Tapfrer ruft zu Zeus um seinen Blitz!
Doch, daß ihn nicht die Schlange feig beschleiche,
Wenn er, vom Kampf ermattet, ruhig schlummert,
Ist Euer Werk, denn Euch gehört die Nacht!
Und ich—und ich! Ruht denn ein Fluch auf mir,
Ein Fluch von Anbeginn, der Eure Kraft
Im Styx gebunden hält, daß Ihr den Frevel,
Den keiner gegen meine letzte Sklavin
Nur zu versuchen wagte, an mir selbst
Gelingen ließt, als wär's die frömmste Tat?
Hero (tritt ein).
Der König!