Siebentes Kapitel.
Pitt blieb in seiner Stadt, Semester für Semester; er war mit keinen Mitteln zu bewegen heimzufahren in den Ferien. Immer schrieb er, er müsse arbeiten, sich vorbereiten fürs Examen. Das machte er dann nie, Herr Sintrup wurde ungeduldig, aber seine Frau tröstete ihn: Pitt sei nun einmal ein Sonderling, ein Einsiedler, und schließlich sei es doch ganz egal, ob er überhaupt nicht käme oder ob er da wäre und sich den ganzen Tag in seinem Zimmer einschlösse, so wie er es früher tat, wie er noch auf der Schule war. Ihr selbst sei es im Grunde einerlei ob sie ihn sähe oder nicht, die Ferne könne ja doch ihren mütterlichen so wie Pitts Sohnes-Gefühlen nicht das geringste anhaben. So hätte Pitt mit seiner Familie so gut wie ganz außer Verbindung gelebt, wären nicht die Geschäftsreisen seines Vaters gewesen, die sich mit größerer Regelmäßigkeit zu wiederholen begannen.
Na, und deine Elfriede? fragte dann wohl Herr Sintrup aus einem ihm nahliegenden Gedankengang heraus, indem er sich behaglicher in den Sessel zurücklehnte, und plötzlich die Barschaft seines Portemonnaies überzählte. — Es ist nicht meine Elfriede! pflegte dann Pitt zu antworten, worauf Herr Sintrup mit Regelmäßigkeit entgegnete: Schade, schade, Junge, du weißt dein Glück nicht anzupacken. —
Pitt hatte Elfriede nicht vergessen; sein Gefühl für Lotte aber war ganz brüderlich geworden, in jener Zeit, wo sie das Kind erwartete; dann wurde es halbbrüderlich, und schließlich, als er sie einmal auf der Straße sah, in ihrem Hausfrauenhütchen, den Kinderwagen schiebend, dachte er: Sollte wohl ein Vetter so zu seiner Cousine empfinden, oder zu deren Schwägerin? Daß er sie einmal liebte oder zu lieben glaubte kam ihm jetzt sonderbar vor.
So war wieder eine Windstille um sein Herz herum, und nur am Horizonte leuchtete es, wenn er an vergangene Zeiten mit Elfriede dachte. Er bildete sich ein: Sie habe er geliebt, und sie sei ihm verloren. Dies Gefühl war süß und schmerzlich zu gleicher Zeit, er konnte sich ihm hingeben, ohne seine Gemütsruhe dabei zu verlieren. Aber eines Tages wurde er aus diesen dämmerigen Empfindungen herausgerissen.
Es war im Foyer eines Theaters. Er stand gedankenlos gegen eine Säule gelehnt, als er plötzlich Elfriede erkannte. Neben ihr stand ein junger Künstler, auf eine etwas fremdländische Weise sehr elegant gekleidet, und er sprach zu ihr mit einem Ausdruck selbstverständlicher Vertrautheit. Ihre Figur war frischer, voller als früher, alles an ihr schien zu leben, ihre Bewegungen waren sicherer, freier, selbstbewußter geworden. Sie lachte gerade, und ehe sie das Gesicht wieder auf ihren Begleiter hinwendete, blickte sie zufällig, ohne ihn bewußt zu sehen, zu Pitt hinüber, drehte auch gleich den Kopf von ihm zurück, wandte ihn aber im nächsten Momente wieder zu ihm hin, fragend, erstaunt. Pitt hielt sich unbeweglich, hatte jetzt aber selbst das Gesicht zur Seite gewendet. Er fühlte, daß sie auf ihn zukam. — Herr Sintrup! sagte sie halblaut und freundlich, sind Sie das wirklich? — Er löste sich aus seiner Stellung und sah mit starren Augen auf sie hin, indem er mechanisch die Hand ergriff, die sie ihm entgegenstreckte. — Wie mich das freut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen! hörte er sie sagen. Wie lange, lange ist es her! Mir kommt es wie ein ganzes Leben vor! — Mir nicht! antwortete er endlich. — Ihnen nicht? Haben Sie inzwischen so wenig erlebt? — Sie wartete gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab: Und ich so viel, so viel! Das Leben ist so wundervoll! Jetzt bin ich einmal wieder für ein paar Wochen zu Hause, dann geht es zurück nach Paris, zum Studium. Wissen Sie noch, wie ich früher spielte? Das kommt mir jetzt so kindisch vor! Was habe ich damals für eine Ahnung von Musik gehabt! — Eine elektrische Glocke läutete, das Publikum strömte langsam in den Zuschauerraum zurück. Der junge Mann sah aus der Ferne etwas zu ihr herüber. — Ja, wiederholte sie, und ihre Worte wurden schneller, damals habe ich wie ein Kind gespielt — ich war ja auch noch ein halbes Kind. — Sie sah halb beunruhigt zurück auf ihren Begleiter. — Sie hatten doch auch einen Bruder, fragte sie weiter, der damals noch auf der Schule war? Der studiert nun auch wohl bald? — Der studiert schon lange! sagte Pitt. — So! ach, wie die Zeit hingeht! Sagen Sie, Herr Sintrup — wollen Sie uns nicht einmal wieder besuchen? Ihren Freund Harald sehen Sie allerdings nicht bei uns, der ist nun wirklich zur See gegangen! Und Hedwig hat letztes Jahr geheiratet. Aber ich bleibe noch ein paar Wochen; es würde uns freuen Sie wiederzusehen! — Es läutete abermals. — Ich bin mit einem Freund zusammen, der auch wieder nach Paris zurückgeht, leben Sie wohl, und hoffentlich kommen Sie einmal wirklich! — Sie hielt ihm die Hand entgegen. — Adieu, Elfriede, sagte er. — Sie sah ihn an, als kämen diese Worte aus einer fernen, halbvergessenen Welt an ihr Ohr, dann zeigte ihr Gesicht wieder den freundlichen Ausdruck wie zuvor, sie nickte ihm zu und ging zu ihrem Begleiter zurück, der einen kurzen, forschenden Blick auf Pitt geheftet hielt, aber sogleich höflich von ihm wegsah, als er seinen Augen begegnete. Mit einer fast formellen Bewegung ließ er ihr den Vortritt durch die Tür, aber sein Blick streifte in unbewußter, vertrauter Zärtlichkeit ihren Nacken.
Pitt verließ das Theater sofort; planlos ging er durch die Straßen, bis er sich mit einem Entschluß nach einer festen Richtung wandte und die Häuser der Stadt endlich hinter sich ließ. Er schritt dem Winde entgegen, auf der uralten Pappelallee; in den Baumwipfeln rauschte es und die Stämme standen unverrückbar ruhig, unbeweglich. Einer nach dem andern glitt still an ihm vorbei. Die kalte Nachtluft schlug an seine Schläfen und beruhigte seine Gedanken. — Was sollte er im Haus der van Loo? Sollte sich jetzt ein kurzes, triviales, leeres Nachspiel ihrer Freundschaft wiederholen? Jetzt erst, so fühlte er, hatte er Elfriede ganz verloren. Ein ohnmächtiger Neid erfaßte ihn gegen den Menschen, der die Stelle einnahm, die er selber hätte einnehmen können. Er wollte Elfriede nicht wiedersehen; mit diesem Erlebnis mußte er jetzt ein für allemal abschließen. Aber was wurde nun mit ihm? Wohin würde ihn das Leben tragen? Dies graue Leben, das so schattenhaft gespenstisch war und so entsetzlich feste, wirkliche Formen hatte! — Er blieb aufatmend stehen und sah sich im Kreise um. Über ihm rauschten die Pappeln, und in seiner Brust fühlte er sein Herz klopfen, dieses ewig lebendige Ding, das unabhängig von seinem Willen den Rhythmus der Zeit angab, in der er selbst dahingetrieben wurde. Er bekam fast Angst vor diesem Klopfen, das er in der Stille der Nacht so deutlich fühlte, vor diesem Gestampf, das an rastlose Maschinenarbeit erinnerte, die nicht um ihrer selbst willen da war, sondern damit etwas entstehe. Fern flimmerten die Lichter der Stadt, von irgendwoher tönte der langgezogene Ruf einer Lokomotive durch das Blätterrauschen. Fast ohne zu wissen was er tat, trat er langsam auf einen der Stämme zu, umarmte ihn und legte das Gesicht an die harte, kalte Rinde. Seine Gedanken zerlösten sich, und wie er endlich heimwärts schritt, sah er stets empor in die dunklen Baumwipfel, und es war, als rückten sie höher und höher in den Himmel und als senkten sich die Sterne in ihr Laub hinein.
Am nächsten Morgen als er erwachte, hatte er das Gefühl, als sei er letzte Nacht sehr sentimental gewesen, und dann war ihm, als sei das Ganze und alles was vorausging, etwas, das er nicht selbst erlebt, sondern in irgend einem Buch gelesen hätte; bis es ihm wieder klar wurde, daß alles wirklich in sein eigenes Leben eingriff, daß er selbst sich als Handelnder in der Welt bewegte. Sollte er doch zu Elfriede gehen, nur um etwas zu tun und nicht immer alles bloß als Erscheinung an sich vorbeigehen zu lassen?
Tage verstrichen, er rührte sich nicht. Dann traf er zufällig Elfriede mit ihrem Freunde auf der Straße. Sie wollten in den Park spazieren gehen, und Elfriede fragte ihn, ob er keine Lust habe mitzukommen. Er wollte nein sagen, aber er sagte ja, und dann schritt er an ihrer Seite. Dort im Park setzten sie sich unter ein elegantes Zeltdach, ließen sich kleine Erfrischungen bringen, und die beiden machten sich darüber lustig, wie primitiv alles sei. Pitt sagte fast gar nichts, und Elfriedes Freund, der sich im stillen darüber wunderte, was für schwerfällige, ungesellschaftliche Menschen die Deutschen seien, führte die Unterhaltung, mit einem ausländischen Akzent, in ziemlich gebrochenem Deutsch; manchmal stockte er, sah Elfriede an, es kam plötzlich ein wunderschön gebauter eleganter französischer Satz heraus, und dann war es, als ob auf einmal ein ganz anderer Mensch hervorträte. Elfriede war zu Anfang sehr lebhaft und vergnügt, aber dann erschien sie auf Momente ganz zerstreut, Pitt fühlte, wie ihre Augen auf ihm ruhten mit einem stillen, fragenden Ausdruck, und er erwiderte ihren Blick mit einem melancholischen Lächeln. Auf dem Heimweg ging sie an seiner Seite, und am Ausgang des Parkes blieb sie plötzlich stehen und sagte auf französisch zu ihrem Freund: Gehe du nach Hause, ich komme nach; ich werde noch ein wenig mit Herrn Sintrup spazieren gehen, ich habe ihn ja solange nicht gesprochen! — Er schien etwas entgegnen zu wollen, aber sie sah ihn mit einem stummentschlossenen Blick an, ein Blick, den Pitt von früherer Zeit her kannte. Pitt sagte gar nichts, und erst, als Elfriedes Freund ihm abschiednehmend versicherte, es sei ihm eine besondere Freude gewesen einen früheren Kameraden Elfriedes kennen zu lernen, antwortete er ganz zerstreut: Jawohl.
Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wußte er später selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgültige Dinge, aber als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede blaß. — Sehe ich Sie wieder? fragte Pitt; — Ich weiß es nicht! antwortete sie. —