Was soll nur werden! dachte er nun öfter und öfter. Seinen Vater nochmals um Unterstützung anzugehen erschien ihm zwecklos, zumal er nicht recht wußte, ob er mit ihm eigentlich gebrochen habe oder nicht. Waren die Gläubiger das erstemal schon zudringlich und dreist, so stürzten sie sich nun auf ihn wie losgelassene Hunde. Jeder wollte derjenige sein, der aus dem allgemeinen Ruin noch sein Teilchen Habe herausriß. Fox’ Manipulationen wurden fieberhaft und sinnlos. Er schickte Blumensträuße, wie wenn seine Lieferanten Primadonnen wären. Stück für Stück verkaufte er von seinen Sachen, was nur irgend zu verkaufen war. Zuletzt wanderte seine goldene Uhr und sein Brillantring, das alte Familienerbstück, ins Versatzamt. Endlich entschloß er sich doch an seinen Vater zu schreiben; das schlimmste was die Folge sein konnte, war eine Weigerung. Er bat um weitere Unterstützung für ein Jahr und um Begleichung seiner Schulden; dafür wollte er dann auch sicher das Examen machen und das Geld nur als geliehen betrachten. Herrn Sintrups Antwort war ein Wutschrei. Kaum kannte Fox diese wilde Handschrift wieder, die sonst stets denselben kaufmännischen, kulanten Duktus führte. Wie Ohrfeigen klatschten ihm die Worte um den Kopf. Am Schluß des Briefes stand: Entweder ich stecke dich als Lehrling in ein Geschäft in irgend einem Orte, wo dich und mich niemand kennt, und dann zahle ich deine Schulden, oder du bleibst wo du bist, gehst hin wo du magst, und dann will ich nie wieder das geringste von dir hören.
Aus dem Gefühl der Zerschmetterung, das Fox zu Anfang ausschließlich beherrschte, löste sich allmählich eine tiefe Entrüstung heraus, die sich in seiner Antwort in eine kalte, höfliche Reserve umwechselte: Auf den Lehrjungenstand verzichte er, im übrigen erlaube er sich, über seine Pläne Stillschweigen zu bewahren, da er bei seinem Vater kein Interesse voraussetze und, selbst wenn solches bestände, sich nicht in der Lage sähe es zu befriedigen. Diesen Brief schickte er eingeschrieben und nahm sich vor, eine etwa eintreffende Antwort uneröffnet zurückzuschicken. Er wollte seinem Vater schon zeigen was ein stilvolles Benehmen ist! Aber es kam keine Antwort, und nun dachte er: Da steckt nur die Person dahinter, die jetzt im Hause ist! Ohne sie wäre der Alte ganz anders! —
Was blieb nun übrig? Fliehen? Wohin? Wahnsinnig erschien ihm dieser Ausweg. — Aber — rief er plötzlich, liegt nicht auch im Wahnwitz oft ein Sinn, ein tiefer Sinn sogar, der sich nur nicht leicht enthüllt? Wenn ich jetzt fortgehe von hier, ist das wahnsinnig? Muß nicht irgend etwas erfolgen, wo ich auch bin? Und besser anderswo, wo man mich nicht kennt, als hier, in dem verfluchten Neste! Es fiel ihm auch ein, daß in Romanen oft Wendepunkte eintreten, wo niemand weiß wie es nun weiter geht, und wo dann doch etwas passiert. War das nicht im grünen Heinrich so? Und er selbst war gar nicht einmal mehr grün! Aber er fühlte: Er stand an einem Wendepunkte seines Lebens, im Brennpunkte seiner Entwicklung, das Leben selbst packte ihn nun mit seinen Klauen. Seine „Bekenntnisse“ wollte er später schreiben; war Rousseau nicht auch einmal Kellner gewesen oder so was? — Er wollte sich jedem Dienste unterwerfen, die härteste Arbeit übernehmen, — immer schon mit der Gewißheit, daß ihn dann später das Leben um so glänzender entschädigen müsse.
Als das Fräulein ihn am Freitag besuchen wollte, war er nicht mehr da; seine Hauswirtin erzählte unter Tränen, wie sie am letzten Feiertag über Land gegangen sei, und als sie heimkam, war der saubere Herr mit Koffern und Habseligkeiten verschwunden. Sie habe sofort an seinen Vater einen Eilbrief geschrieben, aber Herr Sintrup habe geantwortet, sein Sohn sei mündig und er selbst hafte für nichts mehr was ihn beträfe. — Das Fräulein antwortete nicht viel und ging noch einmal in sein Wohnzimmer, um nachzusehen, ob er nichts zurückgelassen habe was sie noch irgendwie gebrauchen könne, aber selbst die Likörflasche, die immer im Winkel neben dem Klaviere stand, selbst die hatte Fox nicht vergessen: Dick, leergetrunken stand sie da, und wie sie die Nase daran hielt, duftete ihr ein recht trauriger, abgestandener Geruch entgegen.
Intermezzo.
Fräulein Nippe saß im Stadtgarten, auf der kleinen Bank neben der Marmorgruppe: „Venus, Amor die Flügel beschneidend.“ Auf ihrem Schoß lag „Waldmeisters Brautfahrt“ aufgeschlagen, aber sie las wenig darin, bei jedem fernen Schritte durchzuckte es sie unruhig, — bald mußte er kommen! —
Wie heilig hatte sie ihre Rolle gespielt, im Schicksal Lottes und Herrn Könneckes! Und was war nun der Dank dafür? Sie fühlte sich abgesetzt, ihre Rolle war ausgespielt, man brauchte sie nicht mehr. Und sie war doch innerlich noch so jung, ihr Herz verlangte noch nach Liebe. —
Es nahten Schritte. Sie besah schnell noch einmal ihre Fingernägel und nahm dann „Waldmeisters Brautfahrt“ mit nachlässiger Eleganz zwischen die Finger. Ein junger Mann; sie umfaßte schnell die Erscheinung: Soigniert, proper, adrett. — O Gott, wenn er das doch wäre! Ob er das wohl war? Er kam näher, er schien nicht überrascht als er sie sah, und erst, als in ihren unverwandten Blick etwas wie eine leise Beschwörung trat, schien er zu stutzen, doch er ging vorbei und warf nur einen flüchtigen, etwas verwunderten Blick auf sie zurück. — Ob er es dennoch war? Hatte er vielleicht nur den Mut nicht, sie anzureden? War er zu schüchtern? — Sie zog eine Offerte aus der Tasche und räusperte sich laut. Aber die Gestalt verschwand langsam in dem Grün. „Herr von mittleren Jahren“ hieß es auf dem Papier. — Nein, ihr schnelles, impulsives Herz hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt, dies war kein Herr von mittleren Jahren, oder vielmehr: Leider war der Herr von mittleren Jahren nicht dieser junge Mann. Und sie hatte sich in den wenigen Augenblicken schon in diese Gestalt eingelebt, sie sah ihn schon in Gedanken auf irgendeiner Hotelterrasse Kaffee trinkend, sich gegenübersitzen, und hinter ihnen erhoben sich blaue Berge. —
Sie wartete.
Da kam des Wegs daher, langsam, und ein wenig behindert, wie es schien, ein ziemlich alter Mann. Er ging nicht gerade an einem Krückstock, aber sie mußte doch an einen Krückstock denken. Der Herr blieb stehen, stemmte, leicht vorgebeugt, den Stock mit ausgestrecktem Arm zu Boden, und sah sie an, mit blauen, etwas trüben Augen, und, wie es schien, gedrückt von jahrelangem Kummer. —